Annas Zeit bei Franciscan Outreach in Chicago

15.07. 18: meine Koffer standen bereit. Ich hingegen war es noch nicht so ganz. Eine eher unruhige Nacht voller Gedanken und Erwartungen lag hinter mir. Auf dem Weg zum Frankfurter Flughafen wurde mir bewusst, dass aus meiner doch eher spontanen Idee nach Chicago zu gehen Realität geworden war. „Ich bin dann mal weg“, hiermit begann im Sommer letzten Jahres mein IJFD und somit auch das wohl bisher größte Abenteuer. Angekommen am Flughafen rollten dann die ersten Tränen, obwohl ich mir so fest vornahm tapfer zu bleiben. Den Check in hinter mir gelassen, umschlungen von Armpaaren, die mich verabschiedeten gab es dann nun kein Zurück mehr und schnell entwickelte sich meine Anspannung in Euphorie.

Neben drei weiteren Freiwilligen, die ich beim Vorbereitungsseminar zuvor kennenlernen durfte und mir somit ein gutes Gefühl gaben, war ich die erste die in die Einsatzstelle flog, ohne die Gewissheit zu haben, was mich tatsächlich erwarten würde. Gerade dieser Gedanke war für mich ein Anreiz und hat all das noch viel spannender gemacht.

Aus der Maschine ausgestiegen wurde es dann unruhiger, aufregend. Wenige Minuten später kamen unsere Koffer an und die letzte Hürde am Flughafen war gemeistert. Es ging Richtung Ausgang wo uns schon eine Hand voll der Freiwilligen des vorherigen Jahres erwarteten und uns ins Empfang nahm. Herzlicher hätte der Empfang vermutlich nicht sein können. Inzwischen wurde es dunkel und die Fahrt zum neuen Zuhause war das erste Highlight für uns: Chicago bei Nacht. Wir auf dem Highway und die Skyline umzingelte uns. Nach der 45 Minütigen Fahrt und dem verzweifelten Versuch einen Parkplatz möglichst nah an unserem Haus zu finden, ging es dann in den dritten Stock meines neuen Zuhauses.

Eine neue Stadt, eine so fremde Kultur mit den verschiedensten Menschen und ihren Persönlichkeiten und neue Eindrücke die innerhalb kürzester Zeit auf mich einprasselten. Ich hatte mir das ganze zunächst einfacher vorgestellt und schätzte mich selber immer als Person ein, die sich innerhalb von wenigen Minuten an einen neuen Lebensumstand anpassen könne. Ich realisierte, dass ich mir die Zeit geben musste mich einzugewöhnen und der nächste Flieger nach Hause nur eine absurde Idee aus dem Affekt wäre um vor meinen anfänglichen Sorgen zu fliehen. Ich wusste auch, dass ich das Abenteuer wollte. Hier war es schließlich.

Ich bin überzeugt, dass genau hier der so wichtige Lernprozess anfing und mich nach fast einem Jahr folgendes lehrte: Wir leben in Chicago in einer recht großen Community von 10 Freiwilligen. Funktionieren kann vor allem der Alltag, angefangen beim sauber halten des Hauses, bis zur Arbeit und dem eigentlichen Zusammenleben nur, wenn jeder eine feste Aufgabe hat und als Mitglied geschätzt wird. Wir gestalteten zu Beginn des Jahres auf unserem Opening Retreat in Wisconsin eine Art Communityboard. Chores wurden verteilt, die wöchentlich rotieren, kreative Aufgaben, darunter welches Mitglied sich um die Gestaltung des Wohnraums kümmern sollte und die Geburtstage gestaltet. Wir haben zu Beginn des Jahres Simple Living, Glauben, uns als Gemeinschaft und ein respektvolles Zusammenleben gemeinsam definiert. Ich habe für mich feststellen können, dass das eigentliche Zusammenleben und die wirklich wichtigen Dinge, die über „das Badezimmer sauber machen“ hinausgehen, sich erst entwickeln müssen um einen viel höheren Stellenwert zu bilden als nur das organisatorische Fundament.  

„Actions speaks louder than words“ (Abraham Lincoln) ist ein ziemlich treffendes Zitat auf genau diese Idee des Zusammenlebens und des eigenen Charakters. Wir sind als Freiwillige mit den unterschiedlichsten Charakteren zusammengewürfelt worden. Es bedurfte einige Zeit bis ich merkte, dass wir uns inspirieren lassen können. Denn wie langweilig wäre das Communityleben, wenn es keine Punkte zum anecken geben würde? Gut, manchmal wären weniger Situationen zum Reiben wahrscheinlich etwas entspannter… Abende an denen wir stundenlang über Gott und die Welt sprachen oder über Michael Wendler oder seine viel zu junge Freundin. Über Politik, unsere Familie und Freunde, unsere Gefühle und das was uns in den Sinn kam. Über unsere Zukunftspläne und das was schon hinter uns liegt. Völlig gleich was auf dem Communityboard steht, und durchaus seine Relevanz hat – bei uns kommt es zu Diskussionen, zu Ansichten die nur einer von zehn vertritt und versteht und Gespräche die Ruhe erfordern, Toleranz und Respekt, um zu verstehen, dass wir nun völlig gleich woher wir kommen, ob wir uns von Pessimisten oder Optimisten umgeben nicht unseren eigenen Optimismus nehmen zu lassen und in pessimistischen Phase von den Optimisten wieder zu lernen. Als Gemeinschaft funktionieren und trotzdem Raum für uns als eigene Person mit unseren Interessen und Bedürfnissen lassen. Je mehr Zeit verging, desto mehr stärkten sich diese Punkte und desto tiefgründiger wurden die Beziehungen untereinander und auch zu mir selbst.

Das Einbringen definiere ich genauso. Jemand zu sein der in einer doch so großen Menschengruppe seine eigene Meinung vertritt, aber vor allem andere Ansichten zulässt ohne die eigene über die der anderen zu gewichten. Kritik auszuüben und genauso die Fähigkeit zu entwickeln, mit anderer Kritik umzugehen, denn viel zu oft schließen wir von der Selbstwahrnehmung auf die der anderen.  Zeit für sich zu nehmen, um all das zu reflektieren und genauso mit anderen abends auf dem Sofa zu sitzen um Stundenlang zu lachen. Ich empfinde das Communityleben als Herausforderung, die es oft ins Gleichgewicht zu bringen gilt. Und so hängen Communityleben und meine Arbeit in vielen Punkten miteinander zusammen.

Zu Beginn meines Abenteuers habe ich in der Suppenküche gearbeitet, die sich im selben Haus befand in dem wir gewohnt haben. Zu fünft haben wir uns also morgens auf den weiten Weg nach unten gemacht, um das Essen für unsere Gäste für den Abend und zum Mittag vorzubereiten, die Wäsche zu waschen und die Duschen vorbereitet. Salat schneiden, Reis kochen, Brot und Pastries vorbereiten, Spenden entgegennehmen, den Essenssaal vorbereiten, sauber machen und die nächste Woche planen. Mit unseren Gästen zu arbeiten ist ganz bestimmt mal mehr und mal weniger ein Privileg, aber vor allem mehr als nur eine alltägliche Routine. Toleranz und Respekt; genau von den Punkten von denen ich zuvor sprach, sind vor allem bei unserer Arbeit von so hoher Bedeutung. Nicht nur unter unseren Gästen, ebenso unter all den Mitarbeitern um uns herum.

Unter unseren Gästen befinden sich Menschen, jeder erdenklichen Herkunft, jeder Religion, jeden Alters. Ein Großteil jener leidet unter physischen und psychischen Einschränkungen, zum Teil bedingt durch den Teufelskreislauf aus Drogen, Alkohol und Schicksalsschläge.

Mir fiel es ehrlich gesagt nie sonderlich schwer mich durchzusetzen und trotzdem ist es eine ungewohnte Situation Menschen die doppelt so alt und reif an Erfahrungen sind wie ich, eine andere Sprache sprechen und eine ganz  individuelle Geschichte haben, die Spielregeln in genau solchen Situationen zu erklären. Solche Situationen habe ich in den letzten 11 Monaten eher selten erlebt, aber trotzdem machen sie einen noch ein Stück selbstbewusster.

Unter unseren Gästen waren der Großteil Männer, darunter Gäste deren Anlaufstelle die Küche ist, seit über 20 Jahren, so erzählte mir ein Gast. Umso trauriger, dass wir nach einem viertel Jahrzehnt die Küche und sein Zuhause schließen mussten.

Wir zogen um. Die Küche im Marquard Center gab es nicht mehr und damit hinterließen wir fünf nicht nur die Küche, sondern wir alle auch unser Zuhause, in dem wir in der ersten Hälfte des Jahres so viele tolle Erfahrungen sammelten. Aber wie sagt man so schön: Wo sich eine Tür schließt öffnet sich eine neue und so fingen auch wir nach dem Umzug und dem Chaos an – welches uns noch einmal mehr auf die Probe stellte, indem es mehr Missverständnisse denn je untereinander gab, die Kommunikation viel zu oft zu wünschen übrig ließ, und Umzugskisten in einem schwarzen Loch verschwanden – im Shelter zu arbeiten.

Eine neue Umgebung mit neuen Menschen und Persönlichkeiten. Zwei von uns Küchenleuten arbeiten nun Nightshifts und vier von uns während des Tages. Eine ganz andere Arbeit, die einer administrativen Büroarbeit ähnelt. Das Ein- und Aussortieren der Mails, das Ausgeben von Checks und ID’s, das entgegennehmen von Anrufen sind Kontrastprogramm zu unserer vorherigen Arbeit in der Küche. Die meiste Zeit unserer fünf Tage Woche geht es eher ruhig zu. Umso schöner ist es für mich zu sehen, welche Euphorie ein Check, eine Buscard oder eine wichtige Mail bei unseren Gästen auslösen kann. Etwas Selbstverständliches für mich, ist oft so etwas viel Größeres für diese. Mindestens genauso oft wie ich den Kopf darüber geschüttelt habe, wie respektlos mir manche Gäste begegnet sind, freue ich mich umso mehr zu sehen, was wir zusammen schaffen und vor allem wie viel  ich mich mit der Situation und den Menschen auseinandersetze. Ich hinterfrage mittlerweile mehr aus welcher Intention der Gast so gehandelt haben könnte, anstatt einfach nur zu „Akzeptieren.“

Ich hinterfrage das Verhalten öfter mit Rücksichtnahme auf eine womöglich psychische Erkrankung oder weil derjenige vermutlich wie wir alle mal, einen schlechten Tag hatte, eine unerfreuliche Nachricht bekam und wir letztendlich als Ventil in diesen Momenten für all das dienen. So vieles beeinflusst unseren Tag und schließlich auch der unserer Gäste, den Menschen mit denen ich zusammenarbeite und lebe. Umso beeindruckender ist es, wenn manche unserer Gäste so mutig waren um mir vor ihrer ganz eigenen, persönlichen Geschichte zu erzählen und mir einen privaten Einblick schenkten.

Gerade durch diese unterschiedlichen und emotionalen Geschichten der Menschen, durch ihre Herkunft und ihr Umfeld, konnte ich mir so mehr Wissen über die Amerikanische Geschichte aneignen, die zuvor lediglich ein Randthema in der Schulzeit war und kann mittlerweile nicht alle, aber viele Ansichten unserer Gäste besser nachvollziehen als zuvor.

Jeden Menschen gleich zu sehen, völlig gleich, welche Hautfarbe er hat, welchen Glauben und welcher Religion er angehört – jeder Mensch hat eine eigene Geschichte, sowohl auf der Arbeit als auch in der Community, die es bedarf gehört zu werden – ist wohl eines der für mich prägendsten Erfahrungen die ich lernen durfte, neben so vielen schönen anderen.

~ Anna Eibenstein, FOA Chicago