Frauke – Ich packe meinen Koffer und nehme mit…

In diesem einen Jahr, das ich jetzt hier in Südafrika verbracht habe, hat sich vieles verändert, habe ich mich verändert, auch wenn ich das vor zwei, drei Monaten noch gar nicht so gesehen haben. Ich bin erwachsen geworden, auf eine gute Art, eine Art, in der ich immer noch ein Kind sein kann, denn man sollte nie aufhören ein Kind zu sein. Auch nicht so tun, als wäre man super erwachsen, denn das bin ich noch lange nicht und ist auch nicht gut.

Im Rückblick ging dieses Jahr super schnell vorüber und in dieser kurzen Zeit kamen und gingen viele Leute, Freunde, die mir alle sehr ans Herz gewachsen sind. Nun wird es auch für mich langsam Zeit von diesem Land und den Menschen hier, vor allem den Kindern, Abschied zu nehmen.

Ich habe viel Verantwortung getragen, für die Kinder hier im Kinderheim auf Nachtschicht und vor allem, wenn ich sie im wilden Verkehr zur Schule gebracht habe. Nicht nur für die Kinder auch für meine Mitbewohner und mich in unserer gemeinsamen Wohnung.

Ich packe in meinen Koffer Roche, Jaylin, Sethu, lee-Handre, Jayden, Zuki… leider geht DAS nicht, also alle Erinnerungen, die ich mit ihnen in meinem Herzen (in meinem Gehirn) und in meinem Fotoalbum gespeichert habe. Natürlich auch in Form von Musik, denn die spielt hier eine große Rolle. Sobald Musik aus irgendwelchen Lautsprechern tönt, tanzen sie in ihren traditionellen Schritten los und nicht nur die Frauen!!! Auch die Männer sind sich hier nicht zu fein dafür das Bein zu schwingen. Was ich auf jeden Fall versuche mitzunehmen, ist die Gelassenheit, Offenheit und Freundlichkeit der Südafrikaner/innen.

Was ich noch mitnehme ist, dass Südafrika noch lange nicht die Rainbow Nation ist, wie es sich oft darstellt. Große soziale Unterschiede zwischen Schwarz, Coloured und Weiß. So viel Armut gebündelt auf einem Fleck und 5 km weiter Standards, wie wir sie kennen. Für mich unbegreiflich so sein Leben lang hier leben zu können, als weiße Person. Natürlich gibt es viele, die etwas dagegen tun… aber ich würde hier jetzt nicht leben wollen. Es gibt Gegenden, die ich gesehen habe, wo sich keine hellhäutige Person rein wagen sollte, alleine oder ohne eine dort bekannte Person, die Freunde dort hat. Ein ganz anders Südafrika, als das in Durbanville. Es ist wie ein Land mit zwei Welten. Mit den Minibussen fahren nie weiße Menschen, das ist einfach so, sie wollen das nicht oder es wird als zu gefährlich angesehen, es ist einfach so, als wäre es eine unausgesprochene Regel. Dementsprechend gibt es keine öffentlichen Verkehrsmittel für die weiße Bevölkerung. Etwas, das ich nach diesem Jahr noch mehr als vorher an Deutschland schätze, genauso wie das mehr Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen, dass es dort nicht so separiert ist, wie hier in Südafrika.

Ich war schon immer eine Person, die sehr geschätzt hat, wie sie aufgewachsen ist, aber das wurde mir hier nochmal mehr bewusst. Dinge, die für mich selbstverständlich sind, sind es hier nicht. Zum Beispiel meinte ein Freiwilliger zu einem der größeren Jungs hier, das sein Haargel nur 40 Rand gekostet hat, umgerechnet, für uns nicht viel. Doch der Junge meinte nur so: „Yoohu that`s alot! Maybe not for you but for us…“.

Es gab im Laufe des Jahres immer wieder Fälle in denen Freiwillige unschöne Zwischenfälle zwischen Erziehern und Kindern beobachtet hatten. Ich persönlich habe es nicht erlebt, doch kann ich jetzt nachvollziehen, nur nachvollziehen, warum einige Eltern ihren Kinder gegenüber gewaltbereit reagieren. Einfach, weil sie müde sind, müde von den schlaflosen Nächten, überfordert mit der Situation ein kleines Kind zu umsorgen, das diverse Bedürfnisse hat, mit vielleicht Sorgen um Geld und eigenen Existenz. Ich werde das nie unterstützen, da Gewalt keine Lösung ist, es macht alles nur schlimmer, wie ich auch gesehen habe. Aber ich konnte zuvor nicht einmal ansatzweise verstehen, warum Eltern das tun, doch nachdem ich ein Jahr in einem Kinderheim gearbeitet habe, sehe ich, dass sie dann vielleicht in einigen Situationen keinen anderen „Ausweg“ sehen.

Was ich zukünftigen Teilnehmern raten kann, in Bezug auf das Zusammenleben mit Menschen, die du gar nicht kennst, ist, dass sich alle an kleine Regeln halten sollten, schon den Spülplan einhalten oder wenn wirklich alle beim Putzen helfen, vermeidet unnötigen Stress und Streit, der das Klima der Wohnung sehr beeinträchtigen kann. Ich denke du solltest dir auch sicher sein, dass du dein Zimmer mit mindestens einer Person teilen wirst 24/7. Wenn das gar nichts für dich ist, wird das Jahr wohl eher anstrengend. Aber ich finde es gar nicht schlimm, da wir doch alle ähnliche Intentionen und Ansichten haben, sonst würde man sich nicht in einem Kinderheim in Südafrika kennenlernen, daher harmoniert es, größtenteils. Es ist gar nicht zu vermeiden, dass es mal zu Auseinandersetzungen mit dem ein oder anderen kommt, das ist normal, man streitet sich schließlich auch mit seinen Eltern. Dabei habe ich gelernt, dass ich meine Launen nicht an anderen Menschen auslassen sollte, wie früher, sondern dann einfach sage, dass ich nicht so gut drauf bin und meinen schlechte Laune für mich behalte.

Ich kann auch sagen das Nachtschicht-Leben hat einen großen Vorteil, das ist mit die einzige Zeit, wo du alleine bist und Dinge erledigen kannst, über alles in Ruhe nachdenken kannst, wenn die wilde Meute endlich schläft. Aber ich sage dir jetzt schon, du wirst es lieben lernen immer unter Leuten zu sein, am Ende kennst du es nicht anders und willst es auch nicht missen. So wie ich, wenn ich das gerade schreibe, weiß ich, dass es komisch sein wird, zurück in Deutschland, nicht mehr dauerhaft fünf sechs Menschen um mich zu haben, mit denen ich den ganzen Tag in der Wohnung sitzen könnte, nichts tun und nur Blödsinn reden. Ich werde es vermissen. Ich werde die Leute vermissen. Auch wenn ich sie kürzer als all meine anderen Freunde kenne, ist es doch eine andere Freundschaft. Wir kennen uns in jeder Lebensform, schick gemacht, morgens nach dem Aufstehen, mit fettigen Haaren, verschwitzt nach dem Sport, geschminkt, ungeschminkt, glücklich, traurig, wütend, überfordert…

Auch wenn manche Kinder am Anfang frech und unhöflich dir gegenüber sind, solltest du dich nicht eingeschüchtert fühlen. Sie kennen dich nicht und sind skeptisch dir gegenüber, du musst dir ihr Vertrauen verdienen, das kommt mit der Zeit.

Kleiner Tipp am Rande, die Kinder lieben, lieben Musik, also falls du schon eine kleine Musikbox hast, unbedingt mitbringen, dann könnt ihr gemeinsam Musik hören und tanzen.

Was die Kinder angeht, finde ich kann ich nicht viele Ratschläge geben, sie werden dich sowieso lieben. Du bist neu, du bist nicht so streng, wie die Child Care Worker. Sie können mit dir spielen und kuscheln. Auch wenn dir, vor allem die pubertierenden Mädchen, am Anfang ganz schön auf der Nase herumtanzen und dich verarschen, werden sie sich ändern und irgendwann riesig freuen, wenn sie dich sehen und mit dir reden können. Dazu musst du dir immer, bei allen Kindern im Hinterkopf behalten, was habe ich in dem Alter gemacht und dann ist denen hier auch immer sehr langweilig… Also wenn du irgendwelche guten Beschäftigungsideen hast. Nur zu.

Landschaftlich ist Südafrika ein wunderschönes Land mit großer Abwechslung, Wüsten, Urwäldern, Bergen, definitiv ein Land das man gesehen haben muss.

Dieses Jahr war es auf jeden Fall wert hier zu verbringen. Ich habe viele Erfahrungen fürs Leben gemacht und einfach mal etwas ganz anderes als Deutschland gesehen. Die Kinder und allgemein die Zeiten hier werde ich vermissen.

~ Frauke Ihle, DKH Südafrika