Gerda’s erste Eindruecke der einsatzstelle

7.30 frühs klingelte der Wecker. Todmüde schaffte ich es doch nach einigen Minuten meine Beine aus dem Bett zu schwingen und den Tag zu starten- mein erster Arbeitstag stand bevor. Was mich erwarten würde? Ich wusste es nicht.

Meine Einsatzstelle ist ein Obdachlosenheim. Das wusste ich natürlich. Aber welche Tätigkeiten ich dort übernehmen müsste, blieben bis zum tatsächlichen Beginn eine Überraschung. Dementsprechend hatte ich mir die Tage davor viele Gedanken darüber gemacht, wie mein Arbeitstag wohl aussehen würde. Schon am Abend vor dem „großen Tag“ began ich ziemlich nervös zu werden, durch alle Ungewissheiten, in die ich mich am nächsten Tag begeben würde. Auch als an jenem Tag mein Wecker klingelte, hatte sich meine Nervosität nicht gelegt. Stattdessen war ich hundemüde, weil mich bis spät in die Nacht viele Fragen plagten, die ich verzweifelt versuchte zu beantworten. Trotzdem raffte ich mich letztendlich auf und schaffte es nach einer großen Schüssel nahrhafter Frootloops relativ energiegeladen in den Tag zu starten. 

Um zum Shelter zu gelangen, muss man eine zehnminütige Autofahrt auf sich nehmen, die ich (un)glücklicherweise auf Grund eines verletzten Knöchsels nicht selber bestreiten konnte. So blieb mir der unvermeidliche Unfall, der mich sicher bei dem amerikanischen Verkehr noch erwartet, fürs erste erspart. Nun stand ich unversehrt und mit klopfendem Herzen vor dem bunt angemalten Shelter. Nach einiger Überwindung, klopfte ich an die Tür und wurde freundlich von einer Mitarbeiterin empfangen. Ohne große Umschweife wurde mir das Haus gezeigt, was aus 2 Etagen besteht in denen sich Schlafräume für Männer, Frauen und Pärchen, Badezimmer, Küche, Vorratskammer, Aufentshaltraum, mehrere Stauräume usw. befinden. Zunächst war ich etwas überfodert, als mir die Inhalte der gefühlt 100 Regale gezeigt wurden. Von zahlreichen Lebensmitteln, über Klamotten bis hin zur Zahnseide werden die Bewohner mit allem versorgt, was sie für das alltägliche Leben brauchen. Danach wurden mir meine Aufgaben erklärt, die laut meinem Coordinator vor allem darin bestehen sollten, Gäste in eine Liste einzutragen, sobald sie das Haus betreten oder verlassen. Außerdem gehöre es wohl auch zu meinem Aufgabenbereich, Sachen wie Handtücher, Waschmittel oder Bettbezüge an die Obdachlosen auszugeben. 

Nachdem also meine Einführung beendet und meine Tätigkeiten klar waren, fing ich an mich nützlich zu machen. Die Stunden verflogen schnell beim Sortieren von Bettwäsche und dem Trennen des Conditioners vom Shampoo. Zwischenzeitlich kamen ein paar Gäste des Shelters zu mir und stellten sich vor. Schnell war geklärt, dass ich aus Deutschland kam und nun ein Weilchen im Obdachlosenheim aushelfen würde. Langsam war meine Aufregung verflogen, da ich nun endlich angekommen war und mir ein eigenes Bild von der ganzen Situation machen konnte. Später am Tag durfte ich beim Ausgeben des Essens behilflich sein. In dem Shelter in dem ich arbeite, wird nämlich meistens frisch gekocht, sodass die Gäste mit drei Mahlzeiten (wenn’s gut kommt mit vier) versorgt werden können. Obwohl ich nicht wirklich viele Konversationen am ersten Arbeitstag geführt habe, hatte ich um ehrlich zu sein auch bei diesen Wenigen, Probleme alles zu verstehen. Das fand aber glücklicherweise niemand schlimm. Als der Tag langsam zu Ende ging, war ich ziemlich erledigt, aber auch zufrieden, da ich eine Ahnung hatte, wie es weitergehen würde. Den Rest der Woche habe ich nicht gearbeitet, weil wir in Wisconsin auf dem Retreat waren. Zugegebenermaßen hat mir das ziemlich gut getan, denn ich musste nach meiner Ankunft zunächst alle Eindrücke verarbeiten und das konnte ich in der Abgeschiedenheit unserer Unterkunft. Mit wiedergewonnener Energie startete ich nach unserer „Pause“ in die neue Woche. Als ich nach der kleinen Auszeit wieder zurück zur Einsatzstelle kam, wurde ich mit den Worten „Ich dachte du kommst nicht mehr wieder“ empfangen. Nach diesem überraschendem Empfang machte ich mich wieder an die Arbeit, die an diesem Tag ziemlich gering ausfiel. Da mir schon den Montag davor mitgeteilt wurde, dass es auch Tage gäbe, wo nichts zu tun ist, überraschte es mich nicht. Also verbrachte ich meine Zeit mit an die Wand starren, einem guten Buch und Beobachten. Letzteres brachte mir ein paar Erkenntnisse über die Gäste.

1.      Keine Altersgruppe oder Nationalität ist von Obdachlosigkeit ausgeschlossen. Besonders nachdenklich machte mich dabei ein Mädchen, was ungefähr in meinem Alter ist. Obwohl sie aber in einem Obdachlosenheim wohnt, strahlt sie unglaublich viel Lebensfreude und Energie aus. Das hat mich unglaublich beeindruckt. 

2.      Obdachlosigkeit ist nicht gleich Arbeitslos- viele Obdachlose gehen Frühs zur Arbeit und kommen Abends wieder. Leider bedeutet ein Job nicht gleich die Möglichkeit eines Wohnungskaufes, weshalb auch Leute mit Job in einem Shelter wohnen. Damit sie aber eine Chance haben, wieder mit beiden Beinen im Leben zu stehen, wird ihnen hier mit Beratung und Unterstützung durch die Case-Manager geholfen. 

3.      Meist familiärer Umgang- Die Leute dort behandeln sich alle ziemlich respektvoll. Egal ob die Obdachlosen oder die Mitarbeiter. Alle lachen und reden miteinander und niemand wird verurteilt. Auch sie selber bezeichnen sich als Familie, was ich auf den ersten Blick treffend fand. Trotzdem gibt es ab und zu Konflikte z.B bezüglich der Regeln im Shelter. 

Die Tage darauf hatte ich wieder mehr zu tun. Lustigerweise erledigte ich nur ein Mal die Aufgabe mit der Liste, die mir am Anfang zugewiesen wurde. Stattdessen bekam ich das Projekt die Kleiderspenden zu sortieren, was mir ziemlich Spaß gemacht hat. Ein Mitarbeiter erklärte mir auch, dass er es sich zu seiner Aufgabe machen wollte, mir das Kochen beizubringen. Mittlerweile übernehme ich auch manchmal die Sekretärinnenfunktion und beantworte das Telefon etc. Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten mich zu integrieren und meinen Platz im Obdachlosenheim zu finden, schaffe ich es von Tag zu Tag besser die Leute kennenzulernen und zu erkennen, wo ich gebraucht werde. Mittlerweile habe ich mich schon mit vielen Leuten unterhalten. Natürlich stehe ich immer noch ganz am Anfang meiner Zeit und habe noch vieles vor mir. Was mir aufgefallen ist und meinen Gesamteindruck der Einsatzstelle hier sehr geprägt hat und ich an dieser Stelle deswegen erwähnen möchte, ist die überall erkennbare Beziehung zu Gott. Obwohl die Gäste nun mal in einem Obdachlosenheim leben, haben sie so ein Vertrauen darauf, dass sie durch Gottes Liebe etwas besseres erwartet. Dieses Vertrauen konnte ich aus Gesprächen im Shelter entnehmen, die mich wirklich fasziniert haben. In vielen kleinen Dingen ist der Glaube wiederzufinden: Von Jesus als Hintergrundbild bis hin zu kleinen Gebetszetten auf den Essenslieferungen. Ich kann mir vorstellen, dass der Glaube auch einer der Gründe für die bedingungslose Freundlichkeit mir gegenüber ist. Um ehrlich zu sein, war ich am Anfang besorgt, wie ich wohl aufgenommen werden würde. Meine Sorgen waren völlig unbegründet. Es ist schön zu sehen, wie ich angenommen werde und das schon nach so kurzer Zeit. So kam neulich ein Gast zu mir und bat mich ihm dabei zu helfen ein paar Telefonnummern einzuspeichern. Nach ein paar Minuten war das natürlich erledigt. Für mich kein großer Aufwand,  aber eine große Freude für den Mann. 

Auch eine Frau im Obdachlosenheim hat es mir besonders angetan. Wir sind in Kontakt gekommen, als ich frühs ein bisschen auf dem doch sehr verstimmten Klavier ein paar Stücke zum Besten gegeben habe. Gleich danach kam sie zu mir und war begeistert darüber, dass ich Klavier gespielt habe. Jetzt hilft sie mir auf der Arbeit mit kleinen Bemerkungen darüber, wie ich z.B am Besten etwas machen sollte. Dank ihr bin ich schon so einigen Fettnäpfchen entgangen. Doch das Schönste daran ist, dass sie mir immer ein Lächeln schenkt, was mir das Gefühl gibt gebraucht und geschätzt zu werden. Um meine ersten Eindrücke meiner Einsatzstelle in einem Wort zusammenzufassen- Überwältigend.

Ich habe bis jetzt schon Vieles mitgenommen. Vieles was mich glücklich gemacht hat aber auch Vieles, was mich zum nachdenken brachte. In jedem Falle bin ich bin gespannt, was ich aus meiner Zeit im Obdachlosenheim noch mitnehmen werde.