Joels Ansichten über FOA, Chicago und die USA

Moin,
ich versuche euch in diesem Bericht mal ein paar Besonderheiten meiner Einsatzstelle und des Landes näher zu bringen.

Ich wusste zu Beginn gar nicht richtig was ich euch denn erzählen soll, doch auch wenn wir in Deutschland denken, wir wüssten schon alles über die Amerikaner, lernt man natürlich nochmal eine ganze Ecke mehr, wenn man mal hier ist und sich das ganze schon für ein halbes Jahr ansehen konnte. Somit werde ich euch einfach mal über meine Erfahrungen, Kulturschocks, Erkenntnisse, Freundschaften und so weiter erzählen.

Ich, Joel Hogenkamp, lebe nun seit gut genau einem halben Jahr mit neun weiteren Freiwilligen Volunteers zusammen in einer Wohngemeinschaft im dritten Stock des Marquard Centers in Chicago, IL, USA. Fünf der Volunteers arbeiten die Nachtschichten im Obdachlosen Overnight-Shelter und die anderen vier arbeiten mit mir die Tagschichten im Erdgeschoss in der Suppenküche.

Obwohl ich vorher schon in Chicago gewesen bin, was mir die ganzen Sightseeing Sachen am Anfang erspart hat, habe ich schon sehr viele neue Erfahrungen sammeln können, da es natürlich nochmal ein anderes Erlebnis ist hier zu Wohnen, als einfach nur Urlaub zu machen. Man bekommt einen neuen Eindruck von dem Land, da im Urlaub auch meistens nicht die Armut Amerikas stark beleuchtet wird und wir bei der Arbeit mit Obdachlosen natürlich direkt mit Armut und teilweise Hilflosigkeit durch das System konfrontiert werden. Es macht einen selber teilweise ärgerlich, wenn unsere Gäste uns ihre sehr Bewegenden Geschichten erzählen, wie es zum Beispiel dazu gekommen ist, dass sie jetzt im Shelter schlafen oder in unserer Suppenküche essen, da man selber rein gar nichts dagegen unternehmen kann, wenn es um beispielsweise gesundheitliche Probleme in der Familie geht und sie allein durch die Krankenhausrechnung zu Grunde gehen, da sie sich keine Versicherung leisten können. Wobei wir doch hier sind, um zu helfen und wir auch helfen, obwohl es manchmal gar nicht so scheint als würde ein warmes Essen am Tag ihre Lebenssituation deutlich verbessern.

Aber natürlich prägen einen auch sehr gute Erfahrungen schon nach einem halben Jahr, wie viele neue Freunde und Bekanntschaften, welche vielleicht sogar ein Leben halten. Dadurch, dass ich glücklicherweise schon im Sommer sehr schnell beim Basketball spielen im Park Anschluss finden konnte. Ich habe bis jetzt also schon ein paar sehr gute Freunde gemacht, obwohl die Amerikaner zu Anfang oft sehr oberflächlich sind und nett scheinen, aber man dann auch nie wieder von ihnen hört, was auch ein paar Leuten aus unserer Wohngemeinschaft passiert ist, was in Deutschland meistens anders herum abläuft. Wobei ich jetzt aber auch gar nicht so stark ins Detail gehen will.

Zusammengefasst mir geht es gut. Ich habe sehr viele starke Sachen erlebt, konnte mich weiterbilden und habe Amerika nochmal von einer bisschen anderen Seite kennengelernt. Die Besonderheiten dieses Landes sind genau so wie man es sich in Deutschland vorstellt: patriotisch, groß, stark, eigentlich übel krass doch leider mit einem System was die Lücke zwischen Arm und Reich nicht versucht zu schließen sondern unterstützt.

Meine Einsatzstelle ist ganz eigen. Ich finde es schade, dass wir nur deutsche Freiwillige sind dieses Jahr, obwohl es natürlich Spaß macht und man nochmal andere Seiten von Deutschland sowie Denkweisen kennen lernt. Doch ohne “Kontakt nach außen” war es für andere teilweise sehr schwer Anschluss zu finden. Die Angestellten sind alle sehr nett und durch die familiäre Stimmung hört es sich schon komisch an sie Angestellte zu nennen. Manchmal läuft nicht alles wie geplant, aber irgendwie kriegt man doch alles hin.

Ich könnte euch jetzt ein Ohr abkauen über die vielen Kulturunterschiede und Sachen die ich schon erlebt hab, aber im großen und ganzen kann ich sagen, Amerika und Amerikaner sind eigentlich so wie man denkt, nur noch ein bisschen anders. Viele Vorurteile treffen zu, aber werden, wie bei uns, natürlich nicht immer bestätigt. Die Einsatzstelle ist speziell und damit will ich sagen, es ist oft ein bisschen unorganisiert und hektisch, aber trotzdem ist es ein sehr familiäres und angenehmes Klima in dem gearbeitet wird.

Ich bin sehr dankbar für die Möglichkeit mit den anderen Freiwilligen hier zu arbeiten. Ich bin sehr dankbar für all die guten und schlechten Erfahrungen, die ich schon machen durfte. Ich bin dankbar für die sehr guten Freundschaften die ich knüpfen konnte, welche mir Amerika aus deren Point of View nochmal zeigen konnten. Und ich bin dankbar, dass der Winter bald vorbei ist, weil ich finde die sollten einen in Deutschland vorwarnen, dass der Winter in Chicago circa acht Monate und der Sommer nur vier geht.

Ich freue mich auf jeden Fall schon auf das nächste halbe Jahr, den Sommer, das Reisen eine sehr coole und erfahrungsreiche Zeit, aber natürlich auch auf zu Hause, auf meine Familie und meine Freunde.

Dankeschön.

~ Joel Hogenkamp, FOA Chicago