Julias Meinung zu den Texanern

Dreiviertel meines Jahres hier in Houston sind jetzt so ziemlich um und man kann sich vorstellen, dass ich so manche Leute hier kennengelernt habe. Konservativ eingestellte und Demokraten, Realisten und Träumer, Menschen, die unter der Ungleichbehandlung leiden und welche die ganz oben stehen.

Allein durch die Arbeit, die Boys and Girls Country macht, und zwar Kindern, die über kein stabiles Elternhaus verfügen, wieder ein Zuhause geben, habe ich täglich mit vielen verschiedenen und besonderen Kindern und Geschichten zu tun. BGC hat das Glück, dass viele Freiwillige herkommen und uns unter die Arme greifen und aushelfen, aber es gibt auch sehr viele Leute, die alles mögliche, brauchbare spenden (ich spreche hier gerade nicht unbedingt von den großen Geldgebern). Ich habe allein darüber sehr viele Menschen kennengelernt, die einen  repräsentativen Querschnitt der U.S. amerikanischen Gesellschaft darstellen. Viele kommen zu uns und spenden, obwohl sie selbst nicht viel haben. Herzensgute Menschen eben. Wir haben da ein Ehepaar, das im Ruhestand ist und mehrmals im Jahr durch die Grundschulen fährt, um die nicht abgeholten Fundsachen einsammelt und zu uns bringt. Eines Tages im Dezember haben wir eine Spende von insgesamt 1500 Cerealien bekommen. Ein einfacher Familienvater, der ein Paar Freunde darum gebeten hat, ein paar Cerealien zu spenden und deren Freunde nochmal zu fragen und so weiter. Wie viel ein paar kleine Leute zusammenkriegen.
Leider gibt es aber auch die Menschen, die spenden, um gut dazustehen. Das sind dann diejenigen, die die Spenden mit ihren Kindern vorbeibringen und schnell noch die eigenen Kinder für ein Bild posieren lassen, für den nächsten Facebook-Post, versteht sich. Die sogenannte National Charity League, in der Mütter und Töchter gemeinsam gemeinnützige Arbeit leisten, hilft uns oft aus. Das sind die Helikopter-Vorzeige Mütter, die in ihrer Rolle als Hausfrau nicht genug gefordert werden. Es ist natürlich wunderbar, dass geholfen wird, aber manchmal ist es eigenartig, wenn man aushilft, nur um am Ende ein Foto mit ein Paar der „Heimkinder“ zu machen. Eigentlich ist es eine super Sache, aber leider wird es dennoch zum Eigennutzen der Leute verwendet.

Im Allgemeinen ist mir aufgefallen, dass es in großen Teilen der Gesellschaft vor allem um „Schein wahren“ geht. Angefangen beim Rasen, der überall gleich hoch sein muss, über „awareness weeks“ für jede Belanglosigkeit und dem Ruf „texas strong“ bei jeder Gelegenheit, bis hin zum sonntäglichen Kirchenbesuch, bei dem es vor allem um „sehen und gesehen werden“ geht. Überall lassen sich Kreuze finden, auf Gürteln, Hemden, an Hauswänden und je größer die Kreuzkette ist, die um den Hals hängt, desto gläubiger ist man. Interessant ist auch, dass man Freundschaften und Arbeitsbeziehungen sehr oberflächlich hält. Man meidet direkte Konfrontationen und lächelt seinem Gegenüber lieber ins Gesicht und bespricht alles anderen mit allen möglichen Leuten, außer der Person, die wirklich involviert ist. Auch solche Erfahrungen mussten wir hier machen, aber daraus haben wir gelernt. Dass hier manche Dinge nicht angesprochen werden, das mussten wir auch lernen. Den Kindern wird hier von klein auf beigebracht Erwachsene mit „Yes Sir/Yes Ma’am“ anzusprechen und Erwachsenen großen Respekt entgegenzubringen und deshalb widerspricht man nicht, egal, wie unsinnig die Aussagen sein mögen.

Ein Punkt, der mich wohl am deutlichsten hat erkennen lassen, wie groß der Unterschied zwischen Deutschland und den USA ist, ist wohl die Bequemlichkeit. Einkaufsscooter im Walmart, für die Leute, die es körperlich nicht mehr schaffen, alleine durch den Laden zu gehen. Auch, dass hier nur Automatik-Autos gefahren werden, passt zur allgemeinen Unlust, sich übermäßig zu bewegen. Der Weg zur Arbeit, ungefähr 150 Meter Luftlinie, wird mit dem Auto zurückgelegt und selbst zu einer Hochzeitsfeier wird Plastikgeschirr verwendet um nicht mehr abspülen zu müssen. Wo wir auch schon bei dem Thema sind, das mich am meisten mitnimmt hier: Umweltbewusstsein. Die Menschen hier fahren die größten Kohlenstoffdioxid-Schleudern, lassen sich bei Walmart ihren Einkauf von drei Teilen in sieben Plastiktüten einpacken, lassen die Klimaanlagen und Rasensprinkler 24/7 laufen und fahren mal eben 150 Meter mit dem Auto. Wer dachte, Deutschland sei eine Wegwerfgesellschaft, der war noch nicht in den USA. Es ist traurig, zu sehen, dass die Gesellschaft hier, sich nichts daraus macht und wir tatsächlich schon Diskussionen darüber geführt haben, dass der Klimawandel angeblich gar nicht existieren würde. Während der Rest der Welt einsteckt und Kinder auf den Straßen protestieren, dass endlich gehandelt werden muss, werden in den USA geschälte Orangen in Plastikverpackungen verkauft. Ich musste feststellen, dass die Menschen hier nicht oft das große Ganze sehen, sondern eher in ihrer eigenen Welt leben, in einer Art Blase, wo die Realität ausgeblendet wird.

Wie dem auch sei, wir Freiwilligen hier können die Einstellung einer ganzen Nation nicht ändern, wir können nur weiterhin sagen „We don’t need bags“ und versuchen, keine Strohhalme zu verwenden. Auch, wenn es nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, aber so haben wir wenigstens ein gutes Gewissen.

Doch um hier mit einer positiven Note zu schließen, es ist immer wieder schön, wie wir aus heiterem Himmel zum Crawfish-Essen von unserem IT-Angestellten eingeladen werden. Die Leute hier auf dem Campus sagen immer, dass wir nicht auf eine Einladung warten sollten, wir wären alle zu jeder Zeit willkommen und das bekommt man auch zu spüren! Wir haben über Freunde, noch mehr Freunde kennengelernt, wie das im Leben so ist und so langsam fällt einem der Gedanken ans nach Hause fahren immer schwerer. Neun Monate habe ich schon hinter mir und kann sagen, dass ich die besten und lehrreichsten Erfahrung hier gemacht habe. Ich blicke voller Freude und Wehmut auf die letzten drei Monate und bin dankbar für jeden Menschen und kulturelle Eigenheit, die ich hier erfahren durfte.

~ Julia Laer, BGC Texas