Julias Meinung über BGC, Texas und die USA

Die USA haben circa 328 Millionen Einwohner, die in fünfzig verschiedenen Bundesstaaten leben. Deutschland hat nur 81 Millionen Einwohner auf 16 Bundesländer verteilt und es könnte nicht schwieriger sein, eine Aussage darüber zu treffen, was Deutschland auszeichnet. Dementsprechend fällt es mir bei den USA noch schwerer. Es beginnt schon damit, dass jeder Bundesstaat seinen eigenen „offiziellen Spitznamen“ verliehen bekommen hat. Jedem Staat wird eine Besonderheit zugeschrieben, eine von Vielen.

Ich bin zwar schon ein wenig gereist in den USA, kann aber eher Aussagen treffen, die erstrangig auf Texas zutreffen und sich zweitrangig auf die gesamte USA  oder andere Bundesstaaten verallgemeinern lassen. Was sich Vorweg sagen lässt, die USA zeichnet sich vor allem durch ihre Vielfältigkeit aus. Jeder Staat ist einzigartig, in vielerlei Aspekten. So findet man zum Beispiel so ziemlich jede Klimazone in den USA, allein zehn verschiedenen auf Hawaii. Ich selbst habe bisher vielleicht sechs Staaten von fünfzig gesehen und ich habe jedes mal das Gefühl gehabt, es würde in jedem einzelnen Staat eine ganz andere „Mentalität“ herrschen. In Kalifornien haben ich gesehen, dass viele Ethnien friedlich koexistieren können, während in Texas nur das Essen mexikanisch sein darf. Hier sieht man, wie weit sich die Meinungen zweier Bundesstaaten innerhalb desselben Landes, spalten können.

Neben der Vielfältigkeit und der Tatsache, dass ein Bundesstaat nicht annähernd dem anderen gleicht, haben sie doch alle eins gemeinsam: den Patriotismus. Vor allem in Texas, wo die texanische Flagge auf gleicher Höhe mit der US-amerikanischen hängen darf, habe ich bisher die größten Flaggen gesehen. Auf der Autobahn sieht man sie auf mindestens 5 Kilometer Entfernung. Zu jeder Gelegenheit wird hier die Nationalhymne gesungen, ob bei einem einfachen Highschool Football-Spiel oder dem Superbowl, gesunden wird immer, vom Kleinkind bis zum Rentner, mit der rechten Hand auf dem Herzen und einwandfreien Textkenntnissen. Ich hätten auch nie gedacht, dass Merchandising des eigenen Landes außerhalb der Fußball Welt- und Europameisterschaften getragen wird. Hier aber ist es gang und gäbe „Texas strong“-T-Shirts zu tragen und riesige USA-Flaggen auf der Heckscheibe des Pick Up Trucks zu präsentieren. Doch jeder Bundesstaat hält sich selbst für den herausragendsten, wobei Texas nochmal eine Nummer größer ist – „Everything is bigger in Texas“. Dieser Aussage kann ich nur beipflichten. Angefangen bei den riesigen Pick Up Trucks, die ohne Tritthilfe nicht erreichbar sind, den riesigen Parkplätzen in den ebenso riesigen Einkaufskomplexen und ewig weiten Kuhweiden beziehungsweise weiten Öden. Was ich besonders bemerkenswert fand, ist der Teamgeist bei sämtlichen Sportarten hier. Auch hier wieder, egal ob ein Highschool Football-Spiel oder die NFL-Playoff, der Sportsgeist haut einen aus den Socken. Riesige Fangemeinden sind hier Standard. Vor allem das Tailgating hat mich zutiefst überrascht. Eine riesige Menge an Menschen, die zusammen fiebert, trinkt und isst und egal, wo du hingegangen wärst, jedes Zelt hätte dich willkommen geheißen.

Alles in einem könnte ich noch ziemlich lange darüber erzählen, was Texas, die USA und andere Bundesstaaten auszeichnet und für mich einzigartig macht. Zusammenfassend ist es hauptsächlich die Offenheit, Freundlichkeit und vor allem Hilfsbereitschaft der Menschen, die Möglichkeit alles zu tun, ohne schief angesehen zu werden (vielleicht nicht gerade in Texas) und die Bandbreite an wunderschönen Orten, die man hier gesehen haben muss.

So habe ich bereits erwähnt, dass die USA in vielem einzigartig ist, doch ähnliches kann ich auch von meiner Einsatzstelle behaupten. Boys and Girls Country wurde 1971 gegründet und war ursprünglich nur Boys Country. Hier sollten die Jungen, die aus schwierigen Familienverhältnissen stammen, zu den Landwirten von morgen herangezogen werden, Hand in Hand mit dem christlichen Glauben. Heute können 78 Kinder, Jungen und Mädchen, zwischen fünf und achtzehn Jahren, Boys and Girls Country kurz BGC, ihr Zuhause nennen. Die Kinder leben mit Teaching Parents und mit maximal sieben „Geschwistern“ in geschlechter getrennten Cottages. Selbst, wenn die Kinder biologisch nicht verwandt sind, werden sie als Geschwister vor Gott erzogen. Was BGC auszeichnet und damit so außergewöhnlich macht, ist, dass die Kinder hier wirklich ein Zuhause finden, denn die meisten dieser Kinder haben bereits einiges im Leben miterleben müssen. Hier bekommen sie die Möglichkeit eines Neustarts. Die Kinder werden in einem liebevollen Umfeld, mit psychologischer Begleitung großgezogen. In der Hausaufgabenbetreuung wird den Kindern Hilfe geboten, durch die vielen Nachhilfelehrer, die sich freiwillig zur Verfügung stellen. Nach dem Schulabschluss werden die Kinder nicht einfach in die große, weite Welt entlassen, sie bekommen die Möglichkeit auf dem College and Career Campus zu leben und von dort aus einen Universitätsabschluss zu absolvieren, der durch Scholarships und Spender beinahe schuldenfrei erreicht werden kann. Das, was mich am meisten erstaunt hat, war, dass die Kinder eine so enge Bindung zu ihren Teaching Parents aufbauen. Sie stehen auch nach dem Verlassen des Programms noch in Kontakt mit ihren „Eltern“ und für viele von ihnen haben die Teaching Parents die Elternrolle übernommen, denn die leiblichen Eltern mögen sie zum Teil gar nicht erzogen haben. Erstaunlich ist auch, dass die Kinder hier eine besondere Verbindung zum Glauben haben. Jedes Cottage hat sich eine Kirche ausgesucht, die es jede Woche besucht. Auch im Alltag werden den Kindern christliche Werte ans Herz gelegt: Nächstenliebe, Vertrauen, Gemeinschaft und viele mehr. Selbst, wenn Boys and Girls Country sich als eine christliche Einrichtung sieht, ist sie gleichzeitig nicht konfessionsgebunden. Solange die Kinder religiös sind, ist es nicht wichtig, um welchen Glauben genau es sich handelt. BGC liegt ziemlich weitab vom Schuss, circa 40 Meilen von Houston entfernt auf ungefähr 50 Hektar Land. Die Kinder leben also ziemlich ländlich mit Kühen, Schweine und Co., so wird ihnen hier Respekt gegenüber jedem Lebewesen beigebracht.

Jedes einzelne Kind hier hat seine Geschichte, man hört allerdings nicht viele diesen Geschichten. Was man aber hört von unserem Cottage aus, das mitten auf dem Campus liegt, ist das Lachen und den „Spiellärm“ vom Spielplatz aus. Die Kinder sind glücklich, denn auch wenn es für viele von uns selbstverständlich ist, ein Zuhause zu haben, für diese Kinder ist es ein Geschenk. Es ist jeden Tag aufs Neue schön zu sehen, mit wieviel Hingabe, sowohl das direct-care Personal als auch der Rest der Mitarbeiter, arbeitet. Alle sind glücklich ein Teil von Boys and Girls Country zu sein und ich bin es auch. Eine einzigartige Erfahrung, in einem einzigartigen Land, das aufregender nicht sein könnte.

~ Julia Laer, BGC Houston