Konrad: Das beste Jahr meines Lebens?!

„Das war das BESTE Jahr meines Lebens!“, „Noch nie in meinem Leben war ich SO glücklich!“… Das waren nur zwei Beispiele für Statements ehemaliger SDI Freiwilliger, die ich vor meinem Auslandjahr kennengelernt habe. Damals habe ich sie belächelt. Klaaar schönstes Jahr meines Lebens…„Kommt mal ein bisschen runter, ihr müsst mir hier nichts verkaufen“, dachte ich damals. Klar, dass dieses Jahr besonders sein würde, war mir auch damals bewusst. Nur ganz so übertreiben müsse man nicht, dachte ich.

Jetzt ist es über 300 Tage her, dass ich in Chicago gelandet bin. Als wäre es gestern gewesen, weiß ich noch, wie ich mit Leonie und Joel im o´Hare Flughafen saß, wir auf Nina und Nik warteten und derweil unseren ersten amerikanischen Big Mac aßen. In der Zwischenzeit ist viel passiert. Ich kann kaum greifen, wie das alles in ein Jahr passen soll. Meine Mitbewohner wurden zu unglaublich guten Freunden, ich habe Menschen getroffen, die ich ohne das Freiwilligenjahr nie kennengelernt hätte und ich habe ein Jahr (fast) alleine in Chicago gelebt, krass oder?

Ich versuche oft festzumachen, was sich an mir so wirklich verändert hat. Ganz so einfach ist das nicht, aber doch fallen mir immer wieder Dinge auf, von denen ich mir denke: „Hm… Vor einem Jahr hätte ich das wohl anders gemacht.“

Zum einen wären da materielle Dinge. Ein Freund schrieb mir neulich, er würde sich ein neues Auto kaufen. Deutscher Hersteller, Cabrio, mittlerer vierstelliger Betrag. Vor einem Jahr hätte mich das noch in helle Aufregung versetzt, vielleicht auch ein bisschen neidisch gemacht. Dieses Jahr habe ich 40 Stunden pro Woche gearbeitet – unbezahlt. Ich habe täglich mit Leuten zu tun gehabt, deren Besitz in einen Rucksack passt. Was ich besitze, ist mir so unglaublich egal geworden.

Bevor ich nach Chicago kam und mit Freunden aus meinem Heimatdorf geredet habe, waren viele abgeschreckt. „In so eine große und gefährliche Stadt willst du gehen?“, „Lass dich nicht erschießen!“. All das habe ich hunderte Male gehört. Natürlich habe ich mir dazu meine Gedanken gemacht. Passe ich in eine Großstadt? Ist Chicago nicht eine Nummer zu groß für einen jungen aus einem kleinen schwäbischen Dorf? Heute kann ich mit Sicherheit sagen, dass alle Sorgen unbegründet waren. Ich liebe diese Stadt und kann mir nur noch schwer vorstellen, für die Uni in eine Kleinstadt zu ziehen.

Dann wäre da noch ein anderer Aspekt. Gerade hier in den Staaten ist mir extrem aufgefallen, wie mit der Umwelt umgegangen wird. Wir alle habe das klischeehaftes Bild vom Pickup fahrenden Texaner im Kopf, wenn wir an die USA denken, aber ein Stück weit stimmt das nun mal:
Es schert sich hier kaum einer um die Umwelt. Während in Deutschland Schüler für eine bessere Klimapolitik auf die Straße gehen, habe ich hier immer wieder Menschen getroffen die zwar anerkannten, dass die ganze Verschmutzung schlimm sei, dann aber sofort nachschoben, dass es Klimaveränderungen schon immer gegeben hätte. All diese Beobachtungen haben mir zu denken gegeben: Was kann ich tun? Langsam habe ich angefangen mir Gedanken über meinen Konsum zu mache. Ich esse inzwischen vielleicht einmal im Monat Fleisch und kaufe Klamotten meistens gebraucht. Fehlen tut es mir an Nichts, aber mein Gefühl, ist deutlich besser geworden.

Hinsichtlich des politischen Aspektes hat mich mein Jahr nicht nur in Sachen Umwelt, sondern auch in Sachen Sozialstaat grübeln lassen. Ich habe Hilfe vom Staat in Deutschland immer als mehr oder weniger selbstverständlich hingenommen. Hier ist mir erst aufgefallen, wie falsch ich damit war.

Unsere Gäste im Shelter können von einem Sozialstaat wie in Deutschland nur träumen. Kaum einer hat eine Krankenversicherung oder erhält nennenswerte Hilfe vom Staat. Schaut man sich dann noch das Selbstbild der Amerikaner an (BESTES LAND DER WELT!!!), kommt man schon ins grübeln, was die Ursache für derartige Zustände sein mag. Erschwerend kommt hinzu, dass gut 75% unserer Gäste afroamerikanischer Herkunft sind. In unserer Community haben wir immer wieder über die noch bestehenden Unterschiede der verschiedenen Ethnien gesprochen. Im Shelter wird deutlich, wie sonst nirgendwo, wie die afroamerikanischen Menschen auch nach jahrzehnte langem Kampf noch für Gerechtigkeit kämpfen müssen. All diese Beobachtungen haben meine politische Wahrnehmung unglaublich bestärkt und mich in der Entscheidung bekräftigt Politikwissenschaften zu studieren.

Aber auch in völlig anderen Bereichen sind mir Veränderungen an mir aufgefallen. Gerade bei brenzligen Situationen in den Nachtschichten ist mir eine Sache aufgefallen: Alles ist gut, solange ich mich selber ruhig Verhalte. Beim Vorbereitungsseminar hatten wir ein Modul, welches sich mit Konflikten beschäftigte. Der Dozent verbildlichte Konflikte in Form einer Wippe. Dazu balancierte er eine Stange auf seinem Finger. Er meinte: Der beste Weg einem Konflikt aus dem Weg zu gehen ist, nicht auf die Wippe zu steigen. Um das zu verbildlichen, ließ er die Stange mit einem großen Knall fallen. Diese Analogie blieb derart in meinem Kopf hängen, dass ich fast wöchentlich daran denken muss:
Bei Konflikten einfach nie auf die Wippe steigen. Diese Weisheit in Verbindung damit immer ruhig zu bleiben, hat mir dabei geholfen, jegliche Situation im Shelter zu meisten. Egal ob Schlägerei, Polizeieinsatz, bewusstlose Gäste oder Feueralarm, alles machbar.

In meinem Auslandsjahr ist mir eine weitere große Sache aufgefallen: Auf einmal musste ich mich tatsächlich selbst darum kümmern, jeden Tag etwas zu tun und Dinge selbst in die Hand zu nehmen. In den letzten 12 Jahren meines Lebens ist mir immer alles zugeflogen. Mein Kopf und mein Kalender füllten sich quasi von alleine: 6 Stunden Schule am Tag, dabei bekam man ständig Wissen in den Kopf gepumpt ohne wirklich eine Wahl zu haben. Durch Sport- und Musikverein war dann meistens auch der Rest des Tages getilgt und so hatte ich eigentlich immer etwas zu tun.

In Chicago hatte ich auf einmal eines: Zeit. Klar ich musste hin und wieder einmal arbeiten und mein Schlafrhythmus war durch die Nachtschichten ein wenig seltsam, aber sonst hatte ich den ganzen Tag Zeit die Dinge zu tun, die ich wirklich tun wollte, aber was ist das eigentlich? Ich begann nach Dingen zu suchen, die mir wirklich Spaß machten, ich ging öfters ins Fitnessstudio, las mehr (freiwillig) und brachte mir selbst Gitarre spielen bei.

Die Arbeit im Obdachlosenshelter hat mir aber noch etwas ganz anderes beigebracht: Beurteile nie eine Person über das was du zu wissen meinst! Wir alle haben gewisse Bilder über Obdachlose, darüber ist aber wirklich nur ein Bruchteil wahr. Von 90% unserer Gäste im Shelter würde man nicht vermuten, wo diese nachts schlafen, wenn man sie tagsüber auf der Straße sehen würde. Gäste haben Full Time Jobs, College Abschlüsse und iPhone X. Viel zu oft habe ich früher den Fehler gemacht auf andere Menschen, auch durch eigene Vorurteile, herab zu schauen. Natürlich bin ich nach diesem Jahr nicht frei von Vorurteilen, dennoch bin ich aber bereit mir öfter das große Ganze anzuschauen, bevor ich mir ein abschließendes Urteil über etwas bilde.

Was bleibt nun nach diesem Jahr? Wie bereits beschrieben, habe ich mich verändert. Ich habe mich vermutlich noch nie so sehr in einem Jahr verändert wie in diesem Jahr. Ich habe unglaublich viel gelernt und bin offener, toleranter, selbstbewusster und verantwortungsbewusster geworden. Ich habe 9 verschiedene Reisen in alle möglichen Teile der Staaten unternommen. Ich habe Freunde fürs Leben kennengelernt und unzählige Dinge getan, von denen ich vor Jahren noch gedacht habe, dass ich das nie könnte.

War es das beste Jahr meines Lebens? Wahrscheinlich schon, der Rest war aber auch ganz gut. Ich hätte den alten Freiwilligen wohl doch glauben sollen.

~ Konrad Krämer, FOA Chicago