Leonies Erlebnisse im Shelter

„In jedem Augenblick wird durch seine Erlebnisse, Gedanken und Taten etwas anderes aus dem Menschen.“ (Eduard Graf von Keyserling, deutscher Schriftsteller und Dramatiker des Impressionismus)

Ein Jahr. In dieser Zeit kann man eine Menge an neuen Erfahrungen sammeln und Unmengen an Neuem erleben. Ob diese immer schön sind, ist unwahrscheinlich, doch letztendlich möchte man selbst die schwierigsten Erlebnisse nicht missen. Aus jedem einzelnen Erlebnis lernt man mehr dazu und wächst letztendlich daran. Dies durfte ich hier nun schon nach 8 von 12 Monaten erfahren. Ich habe so viel erfahren und dazu gelernt, dass es teilweise schwierig ist, dabei mitzuhalten und alles Erlebte zu behalten und zu bearbeiten. Dabei waren es bei weitem nicht nur schöne, sondern auch einige schwierige Erlebnisse. Allein das Leben in einem anderen Land auf einem ganz anderen Kontinent mit einer anderen Kultur und Mentalität ist eine Erfahrung für sich und definitiv dieses Jahr wert. Erst nach einer längeren Zeit merkt man, wie die Menschen hier ticken und was wirklich anders zu Deutschland ist. So ist es die Arbeitseinstellung, wo die Deutschen sehr strikt und effizient sind, die Amerikaner eher entspannt sind und alles bisschen lockerer sehen. Wenn etwas teilweise sogar wichtiges erledigt werden soll, wird das so schnell es geht in Deutschland gemacht. Ist etwas kaputt? Ein Handwerker wird für den nächsten Tag bestellt. Hier in Amerika lässt man sich auch mal gerne etwas Zeit, bis es nicht mehr anders geht. Dies haben wir des Öfteren erleben dürfen, woran man sich erstmal gewöhnen musste und nicht anfängt, am Rad zu drehen. Auch in Sachen Zeit – wenn man einem Deutschen sagt, dass man sich um 12 Uhr trifft, ist er meist schon 5 Minuten vorher da und schreibt ansonsten, selbst wenn er nur ein paar Minuten zu spät kommt. Sagt man dasselbe einem Amerikaner, geht er erst um 12 / 12.30 Uhr aus dem Haus. Auch ein Gespräch oder eine Begrüßung läuft hier anders: In Deutschland kommt man meist direkt zum Punkt und redet nicht um den heißen Brei herum, besonders bei geschäftlichen Gesprächen. Hier hält man erst ein bisschen Smalltalk und fragt nach dem Wohlergehen des Anderen. Selbst wenn man nur aneinander vorbeiläuft, wird „how are you?“ gesagt. Würde man sowas in Deutschland machen, wird man sehr wahrscheinlich schräg angeschaut, vor allem wenn das von einem Fremden kommen würde. Diese kleinen und vielleicht so unwichtigen Erkenntnisse über Amerikaner machen für mich das Jahr zu einem der besten Erlebnisse, da man nicht nur einmal in die Mentalität reingeschnuppert und vielleicht gerade mal die Oberfläche angekratzt hat, wie man es oft nur im Urlaub hier tut. Stattdessen lernt man die Leute hier und die Kultur wirklich kennen. Das Communityleben wird – unerwarteter Weise – auch etwas sein, was ich sehr vermissen werde und sowas Einzigartiges ist, was man hier erlebt. So dachte ich am Anfang, dass ich nach spätestens einem halben Jahr die Nase voll von den Leuten um mich herum haben werde und über jede Minute alleine dankbar bin. Doch wie sich jetzt herausgestellt hat, lernt man so unglaublich gute Freunde kennen und es ist immer wieder cool, wenn man nur eine Tür weitergehen muss, um mit jemanden zu reden oder etwas zu machen. So lebt man nun mit Leuten, die noch vor weniger als einem Jahr komplette Fremde waren und man gerade mal 2 Wochen auf dem Vorbereitungsseminar kennengelernt hat, zusammen und erlebt alles hier mit denen gemeinsam. Man erkundet die Stadt und das Land, teilt gemeinsame Erfahrungen und sieht gegenseitig, wie man sich im Laufe des Jahres verändert. Man hat hier praktisch ein komplett neues Leben mit nun guten Freunden aufgebaut, dass es einem schon komisch erscheint, wenn man an das Leben nach dem Jahr denkt. Auf einmal soll man nicht mehr mit diesen 9 anderen zusammenleben und man wird sie nicht jeden Tag sehen und mit ihnen etwas machen können. Sie werden stattdessen vielleicht mehrere Stunden von einem weg leben und man selber ist wieder bei den Leuten vom „Leben davor“, d.h. Eltern, Freunde und allem, was man so kannte. Doch selbst wenn der Kontakt zu manchen hier abbrechen sollte, hat man so viele schöne und schwierige Erlebnisse mit ihnen geteilt: Reisen, Erwachsenwerden, Communityleben, Arbeit mit Obdachlosen, … Diese Freiwilligenarbeit, die wir hier machen, gehört zu den schönsten, aber auch zugleich schwierigsten Erlebnissen hier. Ich habe nun ein halbes Jahr tagsüber in der Suppenküche gearbeitet und bin danach zu Nachtschichten im Emergency Shelter gewechselt. Die Menschen hier, die man kennenlernt, haben teilweise so viel durchgemacht bzw. machen es immer noch durch und doch trifft man so einzigartige und oft trotzdem so glückliche und freundliche Menschen. Manchmal muss man kurz innehalten und sich einmal vorstellen, was sie wohl alles in ihrem Leben erlebt haben, aber sie haben sich davon nicht zu Boden bringen lassen. Zu diesen Menschen gehören auch Leute mit einem unglaublichen Wissen über alles Mögliche, dass man sich teilweise fragt, wie sie hier gelandet sind. Oft war es auch nur ein kleiner Fehler, den sie gemacht haben, oder eine Krankheit, für die sie nichts können. Und doch sind sie nun auf Hilfe angewiesen, da sie nicht genug Geld zum Überleben haben. Sowas zu hören und wirklich hautnah mitzuerleben, ist unglaublich emotional belastend. So wurde mir auch einmal von einem Gast in der Suppenküche erzählt, dass er schon mal kurz davor war, sich zu erhängen, wo man im ersten Moment nicht weiß, wie man darauf erstens reagieren soll und zweitens, wie man der Person helfen kann. Zu den belastendsten Geschichten gehört wohl die von einem Gast aus dem Shelter, bei der eingebrochen und persönliche Sachen gestohlen wurde, nur um dann das Haus in Brand zu stecken, wodurch ihr Sohn ums Leben kam. Wenn man solche Geschichten nicht nur von irgendwem mal nacherzählt hört oder liest, sondern von dem Betroffenen persönlich hört, wird einem erst so richtig bewusst, wie hart das Leben für manche ist. Doch auf der anderen Seite sind sie auch so dankbar für alles, was wir machen und sind auch meist schockiert, dass man aus Deutschland für ein Jahr hierher kommt, um Amerikanern zu helfen. Sie begrüßen uns mit offenen Armen und einem Lächeln auf dem Gesicht, wann immer sie einen sehen und man kann mit ihnen stundenlang über alles Mögliche reden und dabei lernt man selber noch so viel dabei. Aber bei der Arbeit kommen auch nicht so schöne Erlebnisse dazu. So wird man hier regelmäßig angeschrien und ich wurde auch schon von einem Gast erst beleidigt und dann angespuckt. Auch Auseinandersetzung und Infragestellung von der Autorität ist hier nicht selten. So ist es oft unangenehm, einem Gast, die meine Mutter oder sogar Großmutter sein könnte, zu sagen, was sie zu machen und zu lassen hat und diejenige ggf. sogar rauswerfen zu lassen, obwohl man weiß, dass hinter der Aktion vielleicht eine mentale Krankheit steckt oder sie auch oft keinen anderen Platz zum schlafen hat. Doch sowohl die guten als auch die schlechten Erfahrungen, die ich dabei gesammelt habe, haben mir so viel mehr Verständnis über das Leben, unsere Privilegien und das Sozialsystem hier in Amerika und in Deutschland gebracht und haben mich als Person wachsen lassen, wodurch ich selber merke, wie stark man sich in einer eigentlich so kurzen Zeit verändern kann. Daher würde ich nicht eine von den Erlebnissen – ob gut oder schlecht – nicht gemacht haben wollen.

„Nicht schöne Erlebnisse allein geben dem Leben Sinn, sondern erst die Akzeptanz aus positiven und negativen Erlebnissen.“ (Helmut Glaßl, Dipl.-Ing. und Aphoristiker)

~ Leonie Larisch, FOA Chicago