Lukas in Texas

Seit mittlerweile 9 Monaten lebe ich bei Boys & Girls Country in Houston und seitdem ist wirklich sehr viel passiert. Unweigerlich nimmt man dabei unheimlich viel mit zurück nach Hause und darum soll es hier gehen.

Sobald ich hier ankam ging es damit auch schon direkt los, denn nach 12 Jahren auf der Schulbank stand ich nun bei über 30 Grad und 70% Luftfeuchtigkeit 8 Stunden am Tag im Freien und bediente Gerätschaften, die ich vorher noch nie in der Hand hatte, um das große Gelände jederzeit von außen gut aussehen zu lassen. Die Umstellung war anfangs immens, aber im Laufe der Zeit habe ich mich daran gewöhnt und es ist nicht mehr annähernd so unangenehm wie in den ersten Wochen. Das wochenlang Hecken schneiden und Laub von Gehwegen blasen auf Dauer doch etwas öde ist, suchte ich etwas, wo ich mich ausleben kann und ich fand es dort, wo ich es am wenigsten erwartet habe: in der Kirche.

In meinen bisherigen Berichten habe ich schon einiges über meine Arbeit dort als Techniker geschrieben und nun sitze ich hier, schreibe meinen Bericht, kümmere mich um ein zehnköpfiges Team und bin schon seit 6 Uhr morgens hier. Dass ich dafür so früh jeden Sonntag aufstehen würde, hätte ich mir vor einem Jahr noch nicht vorstellen können, denn ich war bisher eigentlich weder Frühaufsteher (bin es eigentlich auch immer noch nicht, der Kaffee täuscht nur darüber hinweg) oder Kirchengänger. Die Abwechslung zur Arbeit und die Freundschaften, die ich hier geschlossen habe, ziehen mich immer wieder hier her und dabei habe ich noch unglaublich viel Spaß. Hier habe ich auch gelernt wie vielfältig die Gesellschaft hier ist, sowohl ethnisch wie auch politisch. Im Gegensatz zu Boys & Girls Country konnte ich hier auch Erfahrungen vorbereitend auf mein Berufsziel des Lehrers machen. Irgendwer muss den immer neu dazu kommenden Freiwilligen das mittlerweile sehr komplexe System aus Audio, Licht, Video und so weiter erklären und in Form von mehreren Workshops konnte ich bisher schon einiges umsetzen.

Da man hier ja nirgends zu Fuß oder mit dem Rad hin kommt, musste ich unweigerlich lernen Autos zu fahren – wesentlich größere Autos und Gespanne, die ich nicht im Entferntesten in Deutschland mit meinem normalen Führerschein fahren dürfte. Sollte ich also jemals einen größeren Führerschein machen, fällt die Umstellung definitiv nicht so schwer. Dazu kommt aber noch die Erfahrung, mit der schieren Inkompetenz der Einheimischen im Straßenverkehr zurecht zu kommen. Die Texaner fahren also nicht nur doppelt so große und schwere Fahrzeuge, sie schauen auch noch nur gefühlt die Hälfte der Zeit auf die Straße – wenigstens darf man dann auch nur zwischen 100-120 km/h auf dem Highway fahren.

Das sind jetzt nur ein paar sehr konkrete Erfahrungen, die ich hier gesammelt habe und nichts bedeutend Neues. Die eine große Sache, die ich in 8 Monaten USA – zum ersten Mal weit weg von zu Hause – aber gelernt habe ist, mich in einer fremden Gesellschaft mit deren eigenen Kultur einzuleben und wohlzufühlen. Denn auch, wenn es ja im Grunde auch nur eine westliche Kultur ist, gibt es viele Unterschiede, die man anfangs gar nicht erwartet hätte. Mir gefällt es hier inzwischen wirklich sehr und auch wenn ich in wenigen Monaten schon wieder nach Deutschland zurückfliege, hoffe ich bald wieder zu kommen.

~ Lukas Schilling, BGC Houston