Was Maria bei FOA gelernt hat

Ich kann kaum glauben, dass 10 von 12 Monaten schon vorüber sind! Chicago ist für mich zu einem Zuhause geworden, aber es gibt trotzdem noch so Vieles hier zu lernen und zu erkunden!

Im Laufe dieses Auslandsjahres habe ich in drei speziellen Bereichen die Möglichkeit erhalten, mich persönlich einzubringen – im Arbeitsalltag, im Zusammenleben der Freiwilligen sowie in den nahegelegenen Vierteln um unser Haus in Bridgeport.

Wir sind vor ca. 3 Monaten von unserer alten Location mit der Suppenküche umgezogen. Im ersten halben Jahr habe ich dort gearbeitet und konnte jeden Tag neue Vorschläge für Gerichte einbringen, welche wir dann auch selbst zubereitet haben. Parallel zum Umzug der Community hat sich auch die Suppenküche aufgelöst, was für mich einen Wechsel der Arbeitsstelle bedeutete. Inzwischen arbeite ich wie die meisten von uns im Harrison Shelter. Ich bin hier tagsüber und helfe unseren Gästen, ihre aktuelle Post zu bekommen. Im Shelter nehmen deutlich mehr Menschen Dienste wie Mail in Anspruch, weshalb man mehr wertgeschätzt wird, wenn man die Initiative ergreift und selbstständig Hilfe anbietet; vom Aufsetzen der Kaffeekanne bis zum Eintragen neuer Gäste in das Online-System.

Da wir hier 10 deutsche Freiwillige sind, die zusammen wohnen und arbeiten, ist das Community-Leben ein sehr großer Teil unserer Einsatzstelle. Ich finde, dass ich mich in der WG ständig persönlich einbringe, was sicherlich zum Teil mit meiner extrovertierten Persönlichkeit zusammenhängt. (Das liegt teilweise daran, dass ich eine sehr extrovertierte Person bin.) Mit dem Einbringen im Community-Leben meine ich nicht, die Aufgaben im Haushalt zu machen, sondern eher anwesend, ansprechbar und offen im Umgang mit den anderen Freiwilligen in der WG zu sein.

Zuletzt kann man sich auch in der Community des Bezirks oder im umliegenden Bereich des Wohnorts einbringen. Wie ich schon oben erwähnt habe, sind wir letztens umgezogen. Vor dem Umzug befand sich unser Haus in Wicker Park, eine sehr gentrifizierte Gegend. Jetzt wohnen wir weiter im Süden und die Gentrifizierung hat die Gegend noch nicht in einem schlimmen Ausmaß getroffen. Ich finde, dass gerade weil die Gegend nicht so gentrifiziert ist, alle Veranstaltungen, die in unserer neuen Gegend stattfinden, viel authentischer sind. Veranstaltungen werden nicht organisiert, weil die Menschen cool und hip wirken möchten, sondern weil sie wirklich Zeit mit der Community verbringen möchten.

Was habe ich bei meiner Einsatzstelle gelernt? Ich, wie die meisten von uns, habe das Jahr direkt nach dem Abitur gemacht und die Zeit für eine Art Selbstfindung und Orientierung fürs weitere Leben genutzt. Ich habe meine Abiturprüfungen nicht bestanden und hatte die Entscheidung vor mir, ob ich nochmal das letzte Schuljahr wiederhole oder ein IJFD mit SDI mache und danach mein Fachabitur erhalte.
Ich bin sehr glücklich, dass ich mich für Letzteres entschied. So bin ich von dem Leben, das ich gewohnt war, weggekommen, hatte genug Zeit zur Selbstreflektion und bin fähig, bewusstere Entscheidungen über meine Zukunft und meine Beziehungen zu den Personen, die ich schätze, zu treffen.

Meine Beziehungen zu meinen Freunden und Verwandten haben sich in den letzten paar Monaten nur verbessert, weil ich gelernt habe, die Zeit anderer Menschen wirklich zu schätzen. Vor allem durch die Zeitverschiebung müssen sowohl ich als auch mein Bekanntenkreis in Deutschland einen relativ festen Platz in unserem Tag finden.

Das bringt mich auch zum nächsten Punkt – ich habe hier gelernt, Kleinigkeiten zu schätzen. Sachen, die man Zuhause als selbstverständlich bezeichnet hat, sind hier nicht existent oder schwer zu finden. Ich glaube jeder, der Europa für eine längere Zeitperiode verlassen hat, kann bestätigen, dass das Brot im Alltag in Deutschland so unterbewertet wird!! Mittlerweile habe ich mich an die Lebensmittelqualität in den USA schon gewöhnt (zumindest größtenteils), aber ich habe hier angefangen mein eigenes Sauerteigbrot zu machen, damit wir wenigstens ein Mal im Monat gutes Brot haben. Das klingt ein bisschen weit hergeholt, bis man das wirklich erlebt.

Ich habe unglaublich viel über Integration, Toleranz und Akzeptanz jedes Individuums in unserer Gesellschaft gelernt und wie wichtig es ist, was für Wörter man in seinem alltäglichen Leben benutzt. Auch als ich in Berlin gewohnt habe, habe ich bei der Obdachlosenhilfe ausgeholfen, natürlich nicht in dem jetzigen Ausmaß meiner Einsatzstelle, aber mir war trotzdem immer bewusst, dass ein Teil der Bevölkerung wirklich jeden Tag ums Überleben kämpfen muss. Hier in den USA habe ich das Gefühl, dass jeder plötzlich obdachlos werden kann, weil das soziale System hier zwar existiert, aber kaum präsent im Leben der Amerikaner ist, geschweige denn unterstützt. So habe ich mich auch in meiner Freizeit mehr über die Rechte verschiedener Minderheiten informiert und somit mehr und mehr über politische Ungleichheiten gelernt und mich geärgert.

Wir, als Freiwillige, arbeiten hier unmittelbar mit den Gästen zusammen und ich versuche jeden Tag besser mit Menschen umzugehen und meine Wörter ein bisschen besser auszuwählen, damit keiner unserer Gäste sich von meinen Aussagen angegriffen fühlt. Meine Sprachkenntnisse haben sich natürlich ein Bisschen verbessert, was auch Grund dazu gibt, mehr auf meine Wortwahl zu achten.

Außerdem habe ich gelernt die Menschen um mich herum mehr zu schätzen. Man ist einerseits gezwungen mit anderen Freiwilligen zu arbeiten und dann auch noch zu leben, obwohl man davor keinen der Mitbewohner kennt. Im Endeffekt verbringe ich aber die meiste Freizeit mit Menschen aus meiner WG und obwohl wir alle so unterschiedlich sind, passen wir zum größten Teil auch sehr gut zueinander.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich durch die 10 Monate, die ich hier verbracht habe, gelernt habe, besser mit Menschen umzugehen und sie mehr zu schätzen. Natürlich gibt es noch viel mehr was ich hier gelernt habe, aber die oben genannten Gründe sind so ausschlaggebend und wichtig für mich und meine Entwicklung, dass ich jedem ein IJFD empfehlen würde :).

~ Maria Martyusov, FOA Chicago