Melissas Fazit zum Dienst in Chicago

Mein Freiwilligendienst nähert sich nun dem Ende. Und obwohl ich noch nicht wirklich begreifen kann, dass ich in nur einem Monat meine Heimreise antreten werde, schwirren doch zahllose Gedanken in meinem Kopf herum: Wie hat mich das Jahr geprägt? Was nehme ich mit nach Hause? Wie hat mich das Jahr geformt und beeinflusst?

Ich betrachte meine Entwicklung in den letzten 11 Monaten durch und durch als positiv. Die plötzliche Umstellung auf ein neues Land mit fremder Kultur, Sprache, Politik und dazu eine Vollzeit-Arbeitsstelle in einem fremden Umfeld ist zu Beginn überwältigend. Wenn man sich auf die Veränderungen einlässt, lernt man aber schnell, was für gute Seiten das Auslandsjahr mit sich bringt. Für die meisten ist diese Zeit ein Sprung ins kalte Wasser – auf einmal ist man auf sich alleine gestellt. Natürlich erhalten wir Unterstützung vom SDI. Wie wir unser Geld ausgeben ist allerdings unsere Sache, und manchmal traf ich Fehlentscheidungen: Ich musste früh feststellen, dass ich mir nicht Konzerte UND regelmäßiges Auswärts-Essen leisten kann. Shampoo und Duschgel sind hier deutlich teurer, und so nützlich und komfortabel Lyft oder Uber auch sein mögen, der CTA (Bus & Bahn) ist wesentlich günstiger und tut’s halt auch. Wenn man sich hier mit unserem Budget etwas Gutes gönnt, schätzt man seine Erfahrungen viel mehr.

Während diesem Jahr habe ich mit vielen Menschen über diese “gemeinschaftliche Unabhängigkeit”, die wir hier erleben, geredet. Das Leben auf einem anderen Kontinent, weit entfernt von Familie und Freunden, würde mir nicht so leicht fallen, wenn ich alleine wäre. Ich habe immer jemanden bei mir, der meine Lage versteht oder vielleicht dasselbe durchmacht. Es gibt immer die Möglichkeit zum Austausch und zur Unterstützung zwischen Community-Mitgliedern; man ist nie hilflos. Dadurch fällt die Verantwortung, die man jetzt übernehmen muss, nicht so schwer. Jedes Mitglied der Wohngemeinschaft trägt seinen Teil zur Gruppendynamik bei, wodurch ich mehr oder weniger dazu gezwungen wurde, eine Beziehung zu 9 Menschen aufzubauen. Ich brauchte Zeit zur Akklimatisierung, um mit dem Leben in einer großen Wohngemeinschaft klarzukommen. Letztendlich lernte ich, mit sehr unterschiedlichen Menschen zu kommunizieren, Konflikte zu lösen, Kompromisse einzugehen und sie zu verstehen. Als eine eher zurückgezogene Person war das ein wichtiger Schritt in meiner persönlichen Entwicklung, welcher mein Empathievermögen und meine Menschenkenntnis deutlich gestärkt hat.

Neben der Wohngemeinschaft nimmt unser Arbeitsplatz im Obdachlosenheim einen weiteren bedeutenden Teil in meiner Entwicklung ein. Ich hatte das Privileg, zwei Arbeitsbereiche kennenzulernen: Nachtschichten im Frauen-Schlafraum in der ersten und Sekretariatsarbeit in der zweiten Hälfte meines Dienstes. Ersteres hat mir viele aufschlussreiche Konversationen mit und einige Freundschaften zu Gästen ermöglicht, während Letzteres die immense organisatorische Arbeit, die hinter einem Obdachlosenheim steckt, und die Bedeutsamkeit von für uns selbstverständlichen Dingen wie Personalausweise, zeigt. Ich sehe den Teil der Bevölkerung, der obdachlos ist, nicht mehr mit denselben Augen. Die Probleme, die besonders in den USA zur Obdachlosigkeit führen, hängen erschreckend oft mit systemischen Rassismus zusammen. Bei der Arbeit, die wir hier machen, muss man sich zwangsläufig mit den sozialen Problemen des Landes beschäftigen. Die Ungerechtigkeit und politischen Spannungen hier schockieren mich bis heute, weshalb ich mich so ziemlich täglich auf dem Laufenden halte und bestmöglich zu informieren versuche. Abgesehen von institutioneller Diskriminierung wegen Hautfarbe, Abstammung oder sozialer Schicht sind Hass gegen LGBTQ+ (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer) ein Problem. Vor allem durch die Trump-Präsidentschaft ist Fremdenfeindlichkeit wieder akzeptiert und jeden Tag gibt es neue Schlagzeilen. Das Land zu einer Zeit wie dieser selbst zu erleben ist bedeutend für mich, weil ich verstehen möchte, was in den Köpfen der Menschen hier vorgeht.Ich würde behaupten, dass ich mich im Laufe meines Dienstes stark verändert habe. Ich habe viele Amerikaner aus unterschiedlichen Hintergründen kennengelernt; vielfältige Gespräche und Austausche über Musik-und Filmgeschmack inspirieren und verändern mich stetig. Ich bin offener gegenüber Meinungsverschiedenheiten und lerne mehr über mich selbst und die Welt.

~ Melissa Peters, FOA Chicago