Melissas Sicht auf Chicago

Seit 6 Monaten genieße ich bereits das Privileg, einen Freiwilligendienst im “Land der  unbegrenzten Möglichkeiten” zu leisten. Nach einem halben Jahr in Chicago befinde ich mich nun an einem Punkt, wo mich die zahlreichen Eindrücke in die Kultur und Einblicke in das Sozialsystem zum Berichten bewegen. Das Faszinierende an und mein persönlicher Beweggrund für die Stadt ist die Vielfalt Chicagos. Die Menschen, die ich kennengelernt habe, sind extrem offen, liberal und kreativ und haben klare Ziele vor Augen. Die Mentalität der Chicagoans habe ich so noch nie erlebt und ist einzigartig. Die “Windy City” ist eine kulturelle Hochburg – hier treffen Mexikaner und Iren auf Afroamerikaner und Chinesen. Für den Stadtteil Pilsen ist das National Museum of Mexican Art der Touristenmagnet. Für Anwohner jedoch sind die große Mehrheit mexikanischer Einwohner, Läden und authentisch-mexikanischen Essens der primäre Anziehungspunkt. In Hyde Park auf der South Side haben sich Afro-Amerikaner vor langer Zeit angesiedelt und präsentieren einzigartige künstlerische und musikalische Talente in Galerien und bei Open Mics.

So sieht es allerdings nicht in ganz Chicago, geschweige denn in den USA aus. Die Gentrifizierung nicht-weiß geprägter Gegenden soll die überwiegend weiße, wohlhabende Mittelklasse-Bevölkerung anlocken, um die Infrastruktur zu “verbessern”, also Profite zu maximieren. Dabei werden Familien aus ihren Häusern ausgetrieben, was bestimmten Menschengruppen signalisiert, sie seien nicht gut genug. Besonders in Chicago hat dieser Prozess eine lange und problematische Geschichte. Man bemerkt drei zentrale Defekte des politischen- und Sozialsystems: der fortwährende Rassismus, exzentrischer Kapitalismus und Armut. Ein großer Unterschied zwischen Deutschland und den USA liegt in der Aus-und Verbreitung von Werbeanzeigen: Eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten weltweit ist der Times Square in New York, dessen Anziehungskraft rein auf der Masse an Werbung basiert. Produktvermarktung funktioniert so, dass jedes Produkt als das Beste gilt– in Werbeanzeigen und Schnellrestaurants. Das politische System in den Vereinigten Staaten kommt den Wohlhabenden zugute, scheint sich allerdings kaum um Armut zu sorgen. Deshalb ist unsere Arbeit im Obdachlosenheim so wichtig. Die Regierung bietet Obdachlosen keine Wohnung oder gar Hartz-IV. Die Kosten pro Jahr in Colleges liegen bei gut $17000, weshalb viele lebenslang verschuldet bleiben oder gar nicht erst das Studium in Erwägung ziehen und sehr geringe Auswahl im Arbeitsmarkt haben. Wenn man in die Unterschicht geboren wurde, sind die Aufstiegschancen erschreckend niedrig. Es gibt unglaublich viele Gründe für Obdachlosigkeit und im Heim der Organisation Franciscan Outreach wird versucht, den Betroffenen zu helfen. Auch wenn einige Gäste uns Freiwillige seit Jahren willkommen heißen und das Shelter als ihr Zuhause akzeptiert haben, ist das Ziel des Franciscan House of Mary and Joseph Hilfsbedürftigen eine Notunterkunft zu bieten, bis eine passende Wohnung und Arbeit für sie gefunden wird.

Durch die Arbeit lerne ich zu schätzen, wie unbeschwert meine Kindheit war und welche Möglichkeiten mir geboten wurden. Trotz der größtenteils unglücklichen Lebensumstände strahlen unsere Gäste so viel Positivität aus und ich bin froh, ihnen helfen zu können.

~ Melissa Peters, FOA Chicago