Niklas Erlebnisse in Chicago

Meine schönsten und meine schwierigsten Erlebnisse

Nachdem ich nun ziemlich genau 8 Monate in der Einsatzstelle von Franciscan Outreach in Chicago/USA verbracht habe, fallen mir zuallererst nur schöne Erlebnisse ein. Über schwierige Erlebnisse zu berichten, fällt mir daher also fast schon schwer.
Nach weiterem Überlegen ist mir jedoch aufgefallen, dass es während meines bisherigen Aufenthaltes in Chicago für mich zwar keine schwierigen Erlebnisse im Sinne von Krisen oder Tiefpunkten gab, wohl aber Situationen, die mir zeigten, welche Unterschiede es im alltäglichen Leben in den USA gibt im Vergleich zu Deutschland/Europa.
Wichtig ist es mir an dieser Stelle zu betonen, dass ich nur meine persönlichen Eindrücke schildern kann, die eher subjektiv sind. Häufig beruhen diese Eindrücke auch auf Erzählungen von Gästen der Einrichtung. Hier kann ich natürlich den Wahrheitsgehalt nicht überprüfen, aber doch haben diese Gespräche meine Erfahrungen geprägt.

Am besten beginne ich mit den Unterschieden, die mir natürlich besonders während meiner Arbeit aufgefallen sind.
In Deutschland sind alle Menschen durch die Sozialsysteme abgesichert. Auch bei Arbeitsunfällen oder dem Verlust der Arbeitsstelle muss man normalerweise nicht auf seine Wohnung verzichten und kann sich recht sicher sein, sich alles Notwendige zum Leben leisten zu können. Es gibt finanzielle Unterstützung vom Staat und auch viele weitere Angebote von verschiedenen Hilfsorganisationen. In den Staaten gibt es anscheinend kein solches Auffangsystem.
Im Shelter habe ich Gäste kennengelernt, die z.B. bei einem Arbeitsunfall beide Beine verloren haben und nun nur noch das Shelter als Anlaufpunkt für Unterkunft und etwas Verpflegung haben, da sie selbst über kein Einkommen mehr verfügen. Auch psychisch kranken Menschen fehlt es an Möglichkeiten der Unterstützung des Staates, weil sie sozial nicht abgesichert sind. Sie kommen jeden Abend, weil sie sonst keinen Ort kennen, wo sie unterkommen könnten. Dabei fehlt uns leider dafür eigentlich das geschulte Personal, um diese Gäste entsprechend zu umsorgen.
Andere Gäste im Shelter wiederum haben zwar einen Job, manche von ihnen stehen morgens um 4 Uhr auf und kommen erst um 22 Uhr wieder zurück. Aber das Einkommen aus diesem Job reicht nicht aus, um eine Wohnung zu bezahlen. Oder sie leiden unter den Vorurteilen gegenüber Obdachlosen und werden nicht als Mieter akzeptiert.
Dass so etwas in einem vermeintlich so modernen Land wie den USA möglich ist, dass Menschen mit einem regelmäßigen Einkommen obdachlos sind und hilfsbedürftigen Menschen diese Hilfe nicht bekommen, erscheint einem noch einmal mehr unverständlich, wenn man in einem Land wie Deutschland aufgewachsen ist. Auch nach 8 Monaten lösen diese Erzählungen in mir immer noch ein Gefühl von Hilflosigkeit und Unverständnis aus.

Ein anderes Thema, mit dem ich immer noch Probleme habe es akzeptieren zu können, ist die sogar heutzutage weiter deutlich spürbare Lücke zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarben und Kulturen. In Deutschland bin ich in einem Freundeskreis aufgewachsen, der aus Leuten mit verschiedensten Migrationshintergründen besteht, wobei dies nie ein Thema im täglichen Miteinander war.
Ich finde es schon traurig, wenn Leute mir erzählen, ich müsse mich privilegiert fühlen und das im Umgang mit anderen immer im Hinterkopf zu behalten. Sich daran zu erinnern was vielen Menschen in diesem Land vor Jahren angetan wurde und sich bewusst zu sein, wie falsch es war, ist wichtig – keine Frage. Sich dann aber während eines Gesprächs ständig im Hinterkopf zu behalten, dass man „anders“ ist und dass man es besser hatte und so seinen Umgang mit Mitmenschen verfälscht, wird auf die Weise jedoch vielleicht nie eine Änderung bringen.
Wenn man sich stattdessen darauf konzentrieren würde, dass man mittlerweile mehrmals bewiesen hat, dass wir alle gleich sind und sich auch dementsprechend behandeln würde, würde das doch viel schneller zu einer positiven Änderung beitragen. Doch leider ist es hier meinem Eindruck nach anscheinend nicht so und deshalb stimmt es. Menschen dunkler Hautfarben leben hier viel öfter in Armut und haben es umso schwerer da raus zu kommen. Ist es falsch? Ja! Muss ich deshalb darauf achten, weil ich es als Weißer in diesem Land wirklich einfacher haben würde? Meiner Meinung nach- Ja!
Die Diskriminierung erfolgt aber zusätzlich nach meiner Erfahrung beidseitig. Sobald man eine andere Hautfarbe hat als der Rest der Gruppe, wird man anders behandelt. Und dieses zu akzeptieren, damit im Alltag umgehen zu können – das kann ich nur schwer akzeptieren. Es bleibt immer unangenehm für mich.

Nun aber zu den schönen Dingen, die ich ganz am Anfang schon angepriesen hatte. Neben dieser Verunsicherung, die die kulturellen Unterschiede bei mir auslösen, bestand mein Jahr bisher ausschließlich aus schönen Erlebnissen. Auch hier beginne ich mal einfach mit der Arbeit.
Mehrmals die Woche habe ich die Möglichkeit, unseren Gästen wenigstens ein bisschen positive Stimmung zu geben. Die meisten kommen abends nach einem harten Tag und sind verständlicherweise nicht immer bestens gelaunt. Mein Versuch, diesen Gästen dann jedoch wenigstens am Abend die Stimmung zumindest etwas aufzubessern, macht auch mich selbst allgemein glücklicher. Man lernt unbewusst nämlich doch recht viel durch die Arbeit. Fürsorge, Dankbarkeit und Positivität sind dabei glaube ich ganz oben auf der Liste.
Das Nächste wird sich zu Beginn vielleicht etwas verwirrend anhören. Nach wenigen Monaten Arbeit ist es für mich schwer geworden, noch fürsorglich zu bleiben. Bei manchen Routineaufgaben stumpft man ab, sieht nicht mehr die Qualität der einzelnen Tätigkeiten für die Gäste.
Wenn es mal wieder Bettwanzen in einem der Betten gibt, kann man, weil alle Betten belegt sind, dem Gast nicht einfach ein anderes Bett zuweisen und er muss zumindest für diese Nacht wohl leider damit auskommen. Wenn jemand zu spät kommt und keine Betten mehr frei sind, muss man denjenigen abweisen. Und das ist besonders im Winter nicht gerade leicht. Wenn jemand in der Nacht anklopft, weil er einfach nur Hunger hat, kann man manchmal nichts mehr anbieten, weil es einfach nichts mehr gibt. Wenn es nicht genügend Handtücher, Zahnbürsten oder Shampoos für alle gibt, kann es passieren, dass ein Gast sich darüber sehr aufregt, laut und aggressiv wird. Obwohl ich ihr Verhalten auch oft ein stückweit nachvollziehen kann, muss man in solchen Momenten mit nötigen Konsequenzen kommen.
Dies alles sind Situationen, in denen man zu Beginn der Tätigkeit noch ein schlechtes Gewissen hat, aber im Laufe der Zeit abstumpft, weil man einfach Regeln hat, die eingehalten werden müssen, damit der Ablauf im Shelter funktioniert. Zu diesen Regeln gehört auch, dass man Gäste bei Regelverstoß auf die Straße setzen muss – auch wenn es kalt und nass draußen ist.
Und diese Konsequenzen durchsetzen zu müssen waren keine Einzelfälle und ich wurde darin schon fast routiniert. Ich war nicht mehr fürsorglich, dachte nicht mehr darüber nach, was diese Konsequenzen für den Einzelnen bedeuten. Wie fühlt es sich an, in einem Bett mit Wanzen zu schlafen? Dann vielleicht noch nicht mal duschen zu können? Wie kommt man draußen durch die Nacht, wenn es eisig kalt ist? Wie soll man zur Ruhe kommen, wenn man Hunger hat und nicht weiß, wann man wie wieder zu Essen bekommt?
Zum Glück habe ich dieses Desinteresse schnell bemerkt und kann dafür jetzt mit dem Gefühl umgehen, mich in diesen Situationen schuldig oder schlecht zu fühlen. Ich fokussiere mich nicht mehr darauf, was ich nicht an Fürsorge leisten kann, sondern versuche vielmehr darüber nachzudenken, was ich aber dafür an guten Taten leisten kann.
Dann erlebt man Dankbarkeit – einmal von den Gästen, die sich ernst genommen fühlen, denen endlich mal zugehört wird. Und Dankbarkeit auch in mir selbst, dass ich diese Arbeit machen kann und damit ein bisschen was besser machen kann. Ich bin dankbar dafür, dass es mir selber so gut geht und ich anderen helfen und ein bisschen was geben kann.
Und mit der Besinnung auf diese Fürsorge und Dankbarkeit kam einfach eine allgemeine positive Stimmung. Ich fühle mich nur noch sehr selten gereizt oder schlecht gelaunt. Die meiste Zeit genieße ich einfach was ich habe – die Möglichkeit in Chicago zu leben, generell zu schätzen was man hat und sich dabei jedes Erlebnis positiv bewusst zu machen.

So wird allein dieses Jahr an sich schon ein schönes Erlebnis – man sollte es dazu nutzen, Menschen kennenzulernen, vielleicht viele verschiedene Orte zu bereisen, die Unterschiede der amerikanischen Kultur von Region zu Region zu erfahren. Man sollte sich immer wieder bewusst machen, dass man gerade in den USA lebt, hier etwas Hilfreiches und Gutes tun darf und man das vielleicht beste Jahr seines bisherigen Lebens erlebt. Dann fühlt man sich glücklich und macht damit allein schon das Jahr zu einem Erfolg. Und wenn man dann daheim ist und zurückschaut, werden die positiven Erlebnisse im Vordergrund stehen und die schwierigen Erlebnisse haben dich geprägt, etwas in dir bewirkt und dich vorangebracht und sind somit auch zu schönen Erlebnissen geworden.

~ Niklas Boos, FOA, Chicago