Rabeas Erlebnisse in Georgien


Seit August 2018 lebe und arbeite ich bereits hier in der Temi Community in Georgien. In den Monaten gab es sehr viele schöne Momente und spannende Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen ebenso wie herausfordernde Situationen und Konflikte.

Der erste Tag in Georgien hatte für mich viele positive Überraschungen bereit. Im Flugzeug und nach der Landung half mir eine sehr nette junge Georgierin mich zurecht zu finden und kaum kam ich in den Ankunftsbereich des Flughafens, warteten dort bereits einige ehemalige sowie aktuelle Freiwillige auf mich. Gemeinsam fuhren wir in den Sonnenaufgang in Richtung meiner Einsatzstelle. Die Freiwilligen sangen mehrstimmige georgische Lieder während ich gespannt die Landschaft betrachtete. Bevor wir nach Temi fuhren, machten wir dann noch einen Zwischenstopp an einem Haselnussfeld, wo wir ein paar Haselnüsse knackten. In Temi angekommen durfte ich dann auch noch frischen Honig, teilweise direkt aus den Waben, probieren. An diesem Tag gewann ich spannende neue Eindrücke und auch wenn es anstrengend war, hatte ich viel Spaß.

Von Anfang an teilten wir aktuellen Freiwilligen unser Zimmer miteinander. Wir Mädchen schlafen zu viert im Zimmer, welches gleichzeitig allen Freiwilligen als Aufenthaltsraum dient. Damit war und ist es wichtig ein Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen der anderen Freiwilligen und den eigenen zu finden. Um Konflikte untereinander zu vermeiden führen wir daher häufig Gespräche miteinander oder nehmen uns Zeit, um gemeinsam etwas zu unternehmen. An einem Tag wanderten wir beispielsweise einen Berg hoch, um oben angekommen in der Nähe einer alten Kirche ein kleines Picknick zu machen. Auf dem Rückweg lernten wir ein neues georgisches Lied und in Temi angekommen tranken wir noch zur Abrundung des Tages einen heißen Tee.

Häufig sind bei solchen Aktivitäten nicht nur wir Freiwilligen, sondern auch noch andere Bewohner beteiligt, wie bei einer Wanderung auf den Berg oberhalb unserer Dorfkirche. Neben uns Freiwilligen kamen auch einige Bewohner der Community mit und so konnten wir gemeinsam den wundervollen Anblick genießen, der sich uns am bewaldeten Hang darbot. Der gesamte Waldboden war mit hunderten blühenden Schneeglöckchen, Alpenveilchen sowie Blausternen bedeckt. Oben auf dem Berg angekommen erkundeten wir eine alte Festungsruine und picknickten. Besonders die Kinder freuten sich sehr über diesen Ausflug und auch für mich war es ein sehr schöner Tag.

Eine Woche lang machten unser Chef, die Kinder Temis und wir Freiwilligen im Januar einen Skiausflug in den Skiort Bakuriani. Dort lebten wir zusammen in einem kleinen zweistöckigen Haus und waren somit 24/ 7 zusammen. In dieser Woche hatte ich viel Spaß und ich nahm die Zeit als sehr intensiv war. Alle Anwesenden konnten sich anders und neu kennenlernen. Außerdem konnte ich viel über meine Pläne nach meinem Internationalen Jugendfreiwilligendienst reflektieren und das vergangene Jahr für mich abschließen.

Da wir Freiwilligen im Haupthaus direkt auf dem Gelände der Einsatzstelle leben, kommt es häufiger vor, dass die Kinder oder andere Bewohner zu uns ins Zimmer kommen, sich unterhalten und Spiele spielen. Im engen Kontakt zu den Menschen hier lernt man schnell kulturelle Unterschiede kennen, verstehen und damit umzugehen. Auch durch den Kontakt mit ehemaligen Freiwilligen zu Beginn des Jahres, konnte man einige Konflikte vermeiden oder ihnen zumindest besser begegnen.

Es ist immer wieder schön zu sehen, wie freudig und ausgelassen die Stimmung bei den Bewohnern selbst bei langwierigen und eintönigen Arbeiten wie bei der Bohnen- oder der Weinernte sein kann. Während der Bohnenernte mussten wir mehrere Tage lang die Bohnenschoten zunächst von den Bohnenpflanzen pflücken um anschließend die Bohnen aus den Schoten heraus zu holen. Dies taten wir bei 35° im Schatten vom Frühstück bis zum Mittagessen und anschließend wieder bis zum Abendbrot. Alle Helfer saßen unter einem großen Baum im Schatten zusammen. Es wurde sich unterhalten, gelacht und Lieder gesungen.

Eine ähnliche Stimmung d.h. sogar noch ausgelassener war Zeitweise auch die Stimmung auf dem Weinfeld während der zweiwöchigen Weinernte. Während wir arbeiteten sangen wir Kanons und unterhielten uns über die unterschiedlichsten Themen. Dabei kamen sehr lustige sowie echt spannende Gespräche besonders mit den anderen Freiwilligen zustande, was es uns ermöglichte einander ein Stückchen besser kennen zu lernen.

Da wir jeden Morgen noch vor der Frühstückszeit auf die Weinfelder von Temi fuhren, gab es während der Zeit auf dem Feld auch immer eine Frühstückspause. Das Essen bestand aus selbst gebackenem Brot, gekochten Kartoffeln und Eiern, einer Art Quark sowie Salz. Manchmal gab es sogar zusätzlich noch Käse, Wurst oder Tomaten. Auch wenn dieses Essen sehr einfach ist, war es nach stundenlanger Arbeit auf dem Weinfeld im Hochsommer super lecker. Zudem saßen alle Leute etwas erschöpft aber fröhlich gestimmt zusammen unter einem großen Walnussbaum mitten in den Weinfeldern, teilweise schweigend oder aber in rege Unterhaltungen vertieft. Es war ein gutes Gefühl ein Teil dieser großen Gemeinschaft zu sein.

Zwischendurch gab es allerdings auch Streitereien, die uns Freiwilligen vor einige Herausforderungen stellten. Eine der größten Hürden, die es in Diskussionen zu bewältigen galt und gilt ist definitiv die Sprache. Besonders zu Beginn des Jahres konnte man außer ein paar Wörter noch kaum etwas verstehen. Selbst wenn man den Zusammenhang erfasst hatte, war es wegen fehlenden Sprachkenntnissen häufig relativ schwierig sich gut zu artikulieren. Hinzu kam, dass man die an der Diskussion beteiligten Personen meist nicht sehr gut kannte. Man konnte daher weder die Reichweite des Konfliktes und wie die jeweilige Person auf welche Aussagen reagieren könnte einschätzen, noch deeskalierende Gespräche führen. Dies war anfangs sehr frustrierend, allerdings lernte man die Menschen mit der Zeit und auch gerade durch Konfliktsituationen besser kennen. Damit fiel es einem auch immer leichter mit solchen Situationen umzugehen und je mehr man verstehen und sprechen kann, desto besser kann man dann auch reagieren.

Trotzdem gibt es manchmal Situationen, in denen wir Freiwilligen uns im Umgang mit einigen schwerer physisch und psychisch beeinträchtigten Menschen unsicher sind, da uns schlichtweg die entsprechenden Fachkenntnisse und Erfahrung fehlen. Wir versuchen uns in solchen Situationen gegenseitig zu helfen und reflektieren gemeinsam im Anschluss über Vorfälle, um gegebenenfalls auf ähnliche Situationen besser vorbereitet zu sein.

Kommunikation spielt nicht nur im Temi Alltag sondern auch bei Weinfestivals oft eine große Rolle. Häufig konnte ich sehr interessante Gespräche mit Besuchern von Wein- oder Community Festivals führen. Als besonders spannend empfand ich ein Gespräch mit einer Georgierin, die einige Jahre in Deutschland studiert und gearbeitet hat. Wir tauschten uns über unsere Wahrnehmungen der georgischen und der deutschen Gesellschaft mit ihren Strukturen, die Rolle von Frauen in Georgien, den Unterschieden zwischen der Stadt und dem Land sowie über kulturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede aus. Es war ein sehr reflektierendes und anregendes Gespräch, worüber ich mir noch heute Gedanken mache.

Eine weitere Situation und Person, die bei mir einen sehr starken Eindruck hinterlassen hat, war ein gehörloses Mädchen bei einem Festival namens „The first international song, dance and art festival for persons with disabilities“ in Tbilisi, bei dem u.a. wir Freiwilligen von Temi aus anwesend waren. Das Mädchen gab die Lyrics während eines Liedes in Gebärdensprache wieder und bewegte sich zum Lied. Ihr ganzer Körper, ihre Gestik und Mimik spiegelten das Lied in einer so einzigartigen Weise wieder, dass sie das Lied selbst zu sein schien. Ich war in dem Moment mitgerissen von den Emotionen dieses Mädchens und folgte gebannt jeder ihrer Bewegungen. Ihre Darbietung hat mich sehr beeindruckt und ich bin immer noch davon begeistert mit welcher Energie, Kraft und Präsenz sie dieses Lied vorgetragen hat.

All die oben beschriebenen Momente sind nur ein Bruchteil von dem, was ich in den vergangenen Monaten erlebt und was mich geprägt hat. Ich freue mich sehr auf die nächsten Monate hier in der Temi Gemeinschaft mit all den Menschen, die mir sehr ans Herz gewachsen sind.

~ Rabea Lindemann, TEMI Georgien