Was nehme ich mit?! – Sophia

SDI Volunteers arbeiten an der Terasse am See

Hey,
schon zehn Monate sind vergangen seit ich aus dem Flieger gestiegen bin und es fühlt sich immer noch so an, als wären es erst Wochen, die hier für mich vergangen sind! Meine Einsatzstelle befindet sich in New Orleans. Unser „Camp Restore“ ist eigentlich eine alte lutherische Highschool, welche 2005 durch den Hurrikan Katrina großen Schaden erlitt. Die Turnhalle wurde zu einer großen „Chill-out-area“ umgestaltet und wo sich einst die Klassenzimmer befanden, findet man heute große Schlafsäle, Hochbett an Hochbett, für unsere Freiwilligen. Denn wöchentlich kommen von ca. 20 bis zu 300 Freiwillige aus ganz Amerika, um hier mit uns anzupacken. Unser Arbeitsbereich als Freiwillige ist breit gefächert und wird deshalb auch niemals langweilig.

Oft gehen wir mit den Freiwilligen zu den verschiedenen Arbeitsseiten, diese sind zum Beispiel Hilfsorganisationen wie die Tafel (hier: Food bank), Schulen, Altenheime, Gemeinschaftsgärten oder ähnlichen Organisationen. Wenn wir mal nicht mit anderen Volunteers unterwegs sind, bleiben wir im Camp, um mit der Büroarbeit zu helfen, unserer Köchin Lorraine unter die Arme zu greifen, Rasen zu mähen oder einfach, um das Camp zu putzen und für neue Volunteers vorzubereiten. Unsere Hauptarbeit hat sich bis jetzt jedoch um das Handwerk gedreht. Vor etwa zwei Monaten ist unser Bauleiter Ken in den Ruhestand gegangen und wieder zurück in seine Heimat Minnesota gezogen. Dadurch hatten wir ein kleines Stimmungstief hier im Camp, wovon wir uns aber kaum haben runterziehen lassen.

Stattdessen haben Yannik und ich beschlossen die Zeit und Kraft die uns blieb zu nutzen und einen kleinen Garten anzulegen. Dies kostete uns viel Zeit, Nerven und auch Organisationstalent sowie Verantwortungsbewusstsein. Trotz allem ist der Garten jetzt fertig und wir können uns jeden Tag daran erfreuen. Da wir jedoch bald wieder die Heimreise antreten müssen, haben wir den Senioren des zu Camp Restore gehörenden Seniorencenters unseren Garten überlassen, um dafür zu sorgen und zusätzlich eine Aktivität an der frischen Luft zur Verfügung zu haben – sie haben sich sehr darüber gefreut.

Die ersten acht Monate jedoch haben wir mit intensivem Training auf dem Gebiet Häuserbau und handwerkliches Geschick verbracht. Da wir in der „Off season“ eingereist sind und die ersten vier Monate keine Freiwilligen hier im Camp hatten, sind wir fast täglich mit Ken auf Baustellen gefahren und konnten so vieles lernen. Theoretisch sind wir jetzt in der Lage ein vollständiges kleines Häuschen zu bauen (im amerikanischen Baustil und ohne Elektronik und die nötige Klempnerarbeit wohl bemerkt).

Ich denke der größte Gegner bei dieser Arbeit war die Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit, woran ich mich vermutlich auch nie gewöhnen werde. Ich erinnere mich noch gut an das Haus einer Lady, in der wir die Decke neu machen mussten, weil durch ein Leak Wasser in das Haus gekommen ist. Leider war derzeit ihre Klimaanlage ausgefallen und mal abgesehen davon, dass draußen sowieso die Luft stand, waren die Fenster auch nicht zu öffnen. Zu allem Überfluss kam uns dann nach dem Öffnen der Decke noch der modrige Geruch der feucht gewordenen Isolierung entgegen. Nichts desto trotz hat es super spaß gemacht und ich war jedes Mal stolz, als ich sehen konnte was wir geleistet haben.

Da Ken jetzt nun leider nicht mehr hier ist, müssen wir die Einsatzstellen leiten, was bedeutet, dass Max, Yannik und ich je eine kleine Gruppe von Freiwilligen bekommen, die wir dann mit an, meistens drei verschiedene, Baustellen nehmen. Meist sind es Arbeiten wie Wände hochziehen, Verputzen, Fliesen und Fugen, Streichen oder kleinere Reparaturarbeiten. Es ist ein gutes Gefühl, dass wir inzwischen so viel Vertrauen unserer Supervisor im Camp gewonnen haben, dass wir allein auf die kleinen Baustellen geschickt werden.

Vor kurzem bin ich zufällig das erste Mal auf unseren Camp Restore Flyer gestoßen, auf dem geschrieben ist „Restore and be Restored“ was so viel bedeutet wie „Wiederherstellen und wiederhergestellt/ausgebaut werden“. Ich finde dieser Vers passt wunderbar zu dem, was wir hier tun. Denn es ist viel mehr als nur Häuser reparieren. Es geht vielmehr darum, die Menschen zu sehen die hinter den Fassaden dieser Häuser leben, ihre Geschichte zu hören und zu teilen. Denn erst dann, geht man ganz anders an so eine Sache ran. Es ist nicht nur ein Job, den ich hier vollziehe, sondern ich habe mich dazu entschlossen diese Freiwilligenarbeit aus einer Motivation heraus zu machen. Es ist ein sehr gutes Gefühl, wenn man etwas baut oder repariert und den Prozess und die guten Ergebnisse sehen kann, aber es ist ein noch viel besseres Gefühl, wenn man etwas für die Menschen tun kann.

Diese Dankbarkeit, die wir hier tagtäglich erfahren, ist einfach die größte Motivation und damit auch unsere Bezahlung, die wir als Belohnung für unseren Dienst erhalten.Viele denken, dass 14 Jahre nach einer solchen Naturkatastrophe wie Katrina nichts mehr an Schäden zu sehen sei. Doch viele Menschen hier verfügen leider nicht über die Mittel, um ihre Häuser reparieren zu lassen und leben teilweise sogar mit offenen Wänden und trotzdem haben die meisten von ihnen eine so positive Lebenseinstellung, dass es mich echt zum Nachdenken angeregt hat. Ich denke eine positive Einstellung dem Leben gegenüber ist auch bei vielen das Einzige was sie noch so wirklich am Leben erhält. Ich empfinde New Orleans als eine sehr entschleunigt und warmherzige Stadt. Ich persönlich habe das Gefühl in Deutschland leiden viele, gerade Jugendliche unter dem Druck der Gesellschaft, in möglichst kurzer Zeit, den möglichst besten Notendurchschnitt zu erzielen um dann direkt zu studieren und so schnell wie möglich Geld zu verdienen, nur um dann so lange wie möglich zu arbeiten und natürlich gut in die Rentenkasse einzuzahlen. Doch was bringt uns das am Ende? Ich selbst habe mir vor diesem Jahr unendlich großen Stress gemacht, ich hatte Angst. Angst davor zu scheitern, Angst, dass aus mir mal nichts wird und ich die Erwartungen der Menschen, die mir wichtig sind, nicht erfüllen kann. Seit ich hier bin jedoch sehe ich das alles recht anders, es ist mir nicht mehr wichtig den bestbezahltesten Job zu bekommen oder möglichst schnell zu studieren. Es ist mir wichtig, ein glückliches Leben zu führen und später in dem Job zu arbeiten, der mir am meisten Erfüllung bringt. Mir ist aufgefallen, der Mensch, der mir am meisten Druck gemacht hat, war am Ende nur ich selbst.

Ich empfehle also jedem nach der Schule, sich nicht direkt ins Arbeitsleben zu stürzen – denn arbeiten werden wir alle noch lange genug. So ein Jahr im Ausland oder ein soziales Jahr allgemein, stärkt nicht nur enorm das Selbst-, Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein, sondern vor allem auch das soziale Bewusstsein. Durch das Erleben einer völlig anderen Kultur, wird man sensibilisiert im sozialen Umgang mit anderen Menschen, sowie aber auch der Umwelt und sich selbst. Ich beispielsweise nehme Dinge anders wahr und habe mir auch vorgenommen, in gewissen Punkten, meine Lebensweise in Deutschland zu ändern. Ich lernte kleine Dinge mehr zu schätzen, wie zum Beispiel die Menge an gesunden, frischen und zum Großteil auch lokalen Lebensmitteln die uns in Deutschland täglich, preisgünstig zur Verfügung stehen. Beispielsweise ist es auch für wenige Menschen hier selbstverständlich studieren zu können oder einfach mal so zum Arzt zu gehen, ohne hohe Summen an Geld zahlen zu müssen. Durch diese 10 Monate bin ich bin so viel stärker, dankbarer und glücklicher geworden und ich habe Freunde fürs Leben gefunden. An dieser Stelle sage ich auf Wiedersehen und DANKE SDI!

~ Sophia Schneider, RAI New Orleans