Sophie packt ihre Koffer und nimmt mit…

65 Tage von 365 Tagen sind heute noch uebrig. 300 Tage in Texas sind vorbei und es faellt mir schwer zu  begreifen, wo die Zeit geblieben ist. Besonders die zweite Haelfte meines Jahres hier verging so schnell, dass es eine komplett unwirkliche Vorstellung ist, in zwei Monaten wieder nach Deutschland zu fliegen. Es ist nicht so, dass ich mich nicht freue, wieder nach Hause zu gehen, aber wenn ich jetzt auf die vergangenen Monate zurueckblicke, kommt es mir nicht so vor, als waere ich schon zehn Monate in den USA gewesen.

Dieses Land und Boys and Girls Country sind wirklich ein „home away from home“, ein richtiges zweites zu Hause geworden. Ich haette am Anfang meines Freiwilligendienstes nicht gedacht, dass ich mich gegen Ende so angekommen fuehlen wuerde. Das Leben in den USA, das Sprechen der englischen Sprache und das Arbeiten in einem fremden Land sind so sehr zur Normalitaet geworden, dass ich jetzt schon befuerchte, einen echten Kultuschock zu bekommen, wenn ich zurueck in Deutschland bin. Zu Hause werde ich keine gigantischen Pickup-Trucks mehr sehen, nicht mehr bei 40 Grad Celcius gefrorenes Fleisch von A nach B transportieren und auch nicht mehr in unglaublich ueberteuerten, „hier-bekommt-man-alles“-Laeden einkaufen gehen. Vor allem aber wird auch mein Alltag in Deutschland wieder komplett anders aussehen, denn ich werde wieder Uni, Arbeit und Freizeit unter einen Hut bringen muessen, waehrend ich hier jeden Tag von 8 Uhr bis 17 Uhr auf der Arbeit war und meine Tage dementsprechend sehr klar strukturiert waren. 

Wenn ich auf die Frage „Ich packe in meinen Koffer und nehme mit…?“ eingehen soll, wuerde ich zunachst im buchstablichen Sinne sagen: Klamotten. Klamotten. Klamotten. Besonders Markenkleidung von Hilfiger, Adidas, Nike und co. kann man hier so unglaublich guenstig shoppen, dass sich in bisher zehn Monaten einiges angesammelt hat. Ich weiss noch nicht, mit wie vielen Koffern ich nach Hause fliegen werde, aber es werden mindestens 2!

Im metaphorischen Sinne wuerden jedoch nicht einmal zehn Koffer ausreichen, um die Dinge mitzunehmen, die ich in diesem Jahr erlebt und gelernt habe. Auch, wenn ich noch keine Zeit hatte, meinen Freiwilligendienst mit etwas Abstand zu reflektieren, kann ich jetzt schon sagen, dass ich mich charakterlich stark veraendert habe. Nicht so sehr, dass meine Freunde und Familie mich nicht wiedererkennen wuerden, aber ich bin durchaus selbstsicherer und in vielerlei Dingen entspannter geworden. Waehrend ich noch vor zehn Monaten ein Mensch war, der sich ueber jede Kleinigkeit tausende Gedanken gemacht hat, betrachte ich vieles nun viel lockerer. Ein Beispiel hierfuer ist meine Haltung zum Autofahren, beziehungsweise zum Fahren von grossen Vans. Hier bei BGC kommt es sehr haeufig vor, dass wir Freiwilligen mit einem der grossen 12-Personen Vans Spenden abholen muessen und am Anfang war ich sehr zoegerlich was dies betraf. Ich hatte sehr grossen Respekt davor, ein solch grosses Fahrzeug zu fahren. Zehn Monate spaeter jedoch habe ich ueberhaupt kein Problem mehr damit: Gerade gestern bin ich alleine im grossen Van wahrend der Rush-Hour nach Downtown Houston gefahren und hatte keinerlei Probleme damit. Dies mag ein banales Beispiel sein, aber es ist gut auf meine neue Grundeinstellung gegenueber Herausforderungen uebertragbar.

Natuerlich nehme ich im uebertragenen Sinne auch all meine Reisen, Ausfluege und Trips im Koffer mit nach Hause. San Francisco, Los Angeles, San Diego, Las Vegas, der Grand Canyon, New Orleans, Disney World, Miami, New York City, Washington D.C., die Niagarafaelle – all dies sind Beispiele fuer die Orte, die ich in den vergangenen Monaten besucht habe. Jede einzelne dieser Reisen hat bleibende Eindruecke bei mir hinterlassen und mir Erfahrungen geschenkt, die ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen werde und nicht missen moechte. 

Natuerlich gibt es dann auch noch all die Menschen, die ich hier kennengelernt habe und die ich im wahrsten Sinne des Wortes gerne im Koffer mit nach Hause nehmen wuerde. Einige meiner Arbeitskollegen und viele der Kinder hier sind mir so sehr ans Herz gewachsen, dass ich mir nicht vorstellen kann, bald wieder auf einem anderen Kontinent als sie zu sein und wahrscheinlich nur noch ueber Facebook in Kontakt mit ihnen zu stehen. Zum Glueck wohnen meine Mit-Freiwilligen auch in Deutschland – ich wuerde es buchstaeblich nicht aushalten, tausende Kilometer und 7 Stunden Zeitverschiebung von Julia entfernt zu sein. Wir sind in den vergangenen Monaten so gute Freundinnen geworden, dass sich es allein aus diesem Grund schon gelohnt hat, dieses Auslandsjahr zu machen.

Wenn man mich fragt, was ich neuen Freiwilligen bei BGC beziehungsweise neuen Freiwilligen im allgemeinen raten wuerde, ist es zunaechst, dass man im Vorhinein keine zu eng gestrickten Erwartungen haben sollte. Natuerlich sollte man sich ueber das Einsatzland und die Einsatztstelle informieren und sich gewisse Ziele setzen, aber was Erwartungen an Aufgabenbereiche, Freizeitgestaltung und Reisen angeht, ist es meiner Meinung nach besser, ein „open mind“ zu haben. Im Endeffekt macht man Reisen zu Orten, von denen man am Anfang gar nichts wusste, erledigt Aufgaben, die nicht in der Stellenbeschreibung standen und lernt Hobbys lieben, die einem zuvor komplett fremd waren. Meiner Meinung nach liegt auch genau in dieser Unberechenbarkeit die Schoenheit unseres Freiwilligendienstes. 

Zukuenftigen Freiwilligen bei BGC wuerde ich den Tip geben, besonders als Freiwillige in den Bereichen Food Services und Operations aktiv den Kontakt zu den Kindern hier zu suchen. Im Arbeitsalltag werdet ihr die Kinder so gut wie nie zu Gesicht bekommen, aber es macht so viel Spass, mit den Kids „abzuhaengen“ und es gibt einem so viel, deren Geschichten zu hoeren. Auch, wenn es fuer uns Deutsche zunaechst komisch ist, kann man sich hier wirklich gut selbst zu den Cottages nach Hause einladen und so Kontakt zu den Kindern suchen. Ich sage euch, es lohnt sich! 

Und, liebe zukuenftige Freiwillige bei BGC, ihr habt eine gute Wahl getroffen! Ich bin mir sehr sicher, dass ihr ein wahnsinnig tolles Jahr haben werdet und ihr euch am Ende aehnlich wie ich fragen werdet, wo die Zeit geblieben ist. 

Abschliessend kann ich sagen, dass dieser Freiwilligendienst das ereignissreichste, aufregendste, herausforderndste und tollste Jahr meines Lebens war. Natuerlich gab es Hoehen und Tiefen, gute Tage und schlechte Tage, aber alles in allem uebwerwiegen all die positiven Eindruecke und Erfahrungen. Jetzt gegen Ende des Jahres sieht man rueckblickend wirklich ueber all die nicht so schoenen Tage hinweg und behaelt hauptsachlich die Abenteuer und die guten Zeiten in Erinnerung.
Aber wie gesagt, noch habe ich zwei Monate uebrig und ich freue mich, diese noch in vollen Zuegen zu geniessen!

~ Sophie Kaemerling, BGC Texas

P.S.: Falls sich jemand wundert, warum ich in diesem Beitag immer mit ae, oe und ue schreibe, die Antwort ist einfach: Ich habe diesen Text an einem amerikanischen Computer geschrieben und die Tastatueren hier sehen verstaendlicherweise anders aus als die in Deutschland.