Kulturshock in Durbanville? Chiaras Erfahrungen

Mittlerweile lebe ich schon ein halbes Jahr hier in Südafrika im Durbanville Kinderhuis. In den letzten 6 Monaten habe ich viel erlebt und dieses für mich komplett fremde Land kennengelernt. Vorher war ich noch nie in Afrika und auch noch nie von meiner Familie länger als ein paar Wochen getrennt. Es war also ein großer Schritt für mich ein ganzes Jahr woanders zu leben, getrennt von meiner Familie und Freunden, in einem fremden Land. Ich bin 19 Jahre alt und vor meinem Auslandsjahr bin ich doch sehr behütet aufgewachsen. Das bedeutet nicht, dass ich nicht selbständig war, aber ich wurde immer von meinen Eltern unterstützt, wenn ich Hilfe gebraucht habe. Nach dem Abi wollte ich dann einfach mal ganz anders leben und aus meiner Komfortzone ausbrechen. Ich bin von Anfang an mit der Einstellung an dieses Jahr rangegangen, dass nicht alles einfach werden wird und Tiefpunkte dazugehören. Auf dem Vorbereitungsseminar haben wir dann die Kulturschockkurve kennengelernt und ich habe mich gefragt was eigentlich passiert, wenn ich mich überhaupt nicht wohlfühle in diesem weit entfernten Land. Was ist, wenn ich Probleme habe mich in diese fremde Kultur einzuleben?

Hier angekommen verglich ich natürlich erstmal alles mit Deutschland. Von der Landschaft war ich von Anfang sehr begeistert. An unsere Wohnung musste ich mich dagegen erstmal gewöhnen. Es hat sich alles noch nicht nach Zuhause angefühlt: die fehlende Dusche; der ziemlich kleine Raum, in dem ich mit zwei anderen Freiwilligen wohne; die alten Möbel, die sporadische Küche. Schon nach wenigen Wochen fühlte ich mich aber immer wohler und jetzt nach einem halben Jahr sitze ich sogar auf der schwarzen Couch, die ich am Anfang so eklig fand. Am Anfang war ich vor allem von der Landschaft und Kapstadt unglaublich begeistert und bin es auch noch heute. Trotzdem erkannte ich von Anfang an auch große Unterschiede zu Deutschland, die ich nicht so toll fand. Schon in meiner ersten Nachtschicht wurde mir bewusst, dass ich mich wohl an den ziemlich anderen Erziehungsstil hier gewöhnen muss. Auch an das dauernde Zuspätkommen und die doch sehr andere Arbeitsmentalität musste ich mich gewöhnen. Ich könnte noch so viel mehr aufzählen, denn es gibt schon einige kulturelle Unterschiede zwischen Südafrika und Deutschland. Mit der Zeit sieht man halt nicht nur die Gegebenheiten, die einem gefallen, sondern auch diese, die einem nicht gefallen. Ab und zu ist man genervt vom mal wieder nicht funktionierenden System und denkt sich, dass das jetzt in Deutschland viel besser funktionieren würde, zum Beispiel, wenn die zum zweiten Mal überarbeitete Version des Schichtplans immer noch etliche Fehler beinhaltet. Bisher ist bei mir aber noch nie der Wunsch aufgekommen wieder nach Deutschland zurückzukehren.

Trotzdem habe ich gerade in schwierigen Zeiten öfter mal meine Familie vermisst. Wenn man mit Fieber im Bett liegt, wünscht man sich einfach seine Mama, die einem einen Tee bringt und einen in den Arm nimmt, herbei. Zum Glück war diese dann zusammen mit meiner Tante, meinem Onkel und meinem Cousin im Dezember zu Besuch in Südafrika. Es war echt schön wieder mit meiner Familie Zeit zu verbringen und ich habe die Tage mit ihnen sehr genossen. In den paar Tagen, in denen ich bei meiner Familie war, hatte ich das Gefühl wieder ein bisschen mein Leben vor dem Auslandsjahr zu führen. Meine Mama sorgte sich um mich als ich krank war und ich musste mich nicht um die Organisation von Ausflügen kümmern. Außerdem arbeitete ich nicht, was ich aber schon nach ein paar Tagen vermisste. Ich wollte die Kinder wieder sehen und insgesamt vermisste ich schon nach den paar Tagen ein bisschen mein einfaches Leben im Kinderheim. Insofern war ich natürlich traurig als meine Familie wieder gehen musste, aber ich war trotzdem glücklich im Kinderheim zu sein. Danach war ich dann mit meinen Mitbewohnern im Urlaub und hatte gar keine Zeit meine Familie zu vermissen. Auch an Weihnachten hatte ich kein großes Heimweh, denn ein richtiges Weihnachtsgefühl hatte sich bei mir aufgrund der hohen Temperaturen eh nicht eingestellt und ich arbeitete an beiden Weihnachtsfeiertagen. Letztendlich weiß ich ja, dass ich nach dem Jahr wieder viel Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden verbringen kann. Ich sehe das Jahr als wertvolle Erfahrung für mich und weiß, dass ich womöglich nie wieder die Chance habe ein Jahr so ein Leben zu führen. Deswegen möchte ich die Zeit hier so gut es geht nutzen und nicht in Heimweh versinken. Im Moment muss ich aber relativ oft an Deutschland denken, denn mein Leben nach dem Jahr muss auch geplant werden. Ich überlege, wo ich später leben und studieren will und werde mich bald für verschiedene Studiengänge bewerben. Das Leben nach dem Jahr hier wird auch aufregend werden und neue Erfahrungen mit sich bringen. Insofern freue ich mich auf ein weiteres halbes Jahr hier, aber eben auch auf das darauffolgende Jahr.

Wie schon erwähnt fühle ich mich im Durbanville Children`s Home mittlerweile Zuhause und ich denke, dass ich keinen großen Kulturschock mehr bekommen werde. Fast alle Freiwillige kommen ebenfalls aus Deutschland und deswegen kriegen wir viele kulturelle Unterschiede gar nicht so sehr mit, denn wir leben hier im Kinderheim in unserem eigenen kleinen Kosmos. Hoffentlich werde ich nicht nochmal krank, denn in solchen Zeiten vermisse ich meine Familie dann doch immer. Ich bin gespannt, was ich in den nächsten Monaten noch so erleben darf. Die Zeit vergeht hier so schnell, dass sich das nächste halbe Jahr wahrscheinlich gar nicht mehr so lang anfühlen wird.

~ Chiara Matejka, DKH Südafrika