Kulturschock zwischen Europa und den USA? Konrads Erfahrungen

Bevor ich aus Deutschland abgeflogen bin, war ich mir eigentlich sicher: So schlimm kann dieser ominöse Kulturschock doch nicht werden. Immerhin sind Amerika und Deutschland beides westliche Länder. Wir schauen dieselben Netflix Serien, hören dieselbe Musik und finden beide American Football cool. Was soll da schon derart unterschiedlich sein?

Nachdem ich jetzt 5 Monate in Chicago lebe, muss ich zugeben, dass ich mich da wohl doch getäuscht habe. Klar, die Unterschiede sind auf jeden Fall nicht so einschneidend wie wenn ich jetzt ein Jahr auf den Philippinen leben würde, aber sie sind auf jeden Fall spürbar. Da wäre zuallererst einmal die Mentalität der Amerikaner. Alles ist gefühlt ein wenig entspannter und spontaner. So ist es völlig normal zu einem Footballspiel 5 Minuten später einzutrudeln oder auch erst 10 Minuten vorher loszufahren (Natürlich zu fahren, was denn auch sonst?). Auch Meetings, die in Deutschland minutiös durchgeplant sind, sind hier eher nette Treffen mit Pizza, bei denen jeder aus seinem letzten Urlaub erzählt.

Auch der zwischenmenschliche Kontakt ist in Amerika oft eher oberflächlich. So ist eine gängige Begrüßung eigentlich immer “How are you“? eine wirkliche Antwort erwartet eigentlich aber keiner. Oder wenn, dann wird immer gesagt, es gehe einem gut oder seine wahren Gefühle preiszugeben. Umso schöner ist es aber, wenn durch neue Kontakte und Menschen, die man kennenlernt, diese Oberflächlichkeit durchbrochen wird. Denn hat man die normalen Umgangsnormen einmal durchbrochen, kann man wirklich enge Kontakte knüpfen. Auffällig ist aber auch, dass Dinge wie ehrenamtliches Engagement oder Zivilcourage in den Staaten lange nicht so hochgehalten werden wie in Deutschland. Es gibt beispielsweise kaum Vereine. Alles wird über Schulen, Kirchen oder den Staat organisiert. So ist der höchste Dienst, den man als junger Mensch machen kann zur Army zu gehen, soziales Engagement im eigentlichen Sinne wird eher selten erwartet.

Hierzu passt auch, dass nie jemand erste Hilfe leisten würde. Gerade in der Obdachlosenunterkunft fällt das auf. Wo in Deutschland ein mindestens jährlicher erste Hilfe Kurs anstehen würde, wird in jedem Notfall 911 gewählt. Dafür ist der Rettungsdienst aber nach 3 Minuten immer sofort da. Aber auch ganze Faktoren spielen in den Kulturschock mit herein. Ich zum Beispiel komme aus der Nähe von Stuttgart. Damit bin ich jetzt keine riesen Berge gewohnt, aber hin und wieder ein Hügel kommt schonmal vor. Das ist in Chicago völlig anders. Hier ist alles flach und man muss schon einen Aufzug nehmen, wenn man irgendwie höher möchte. Auch in die Natur zu kommen, um der Großstadt einmal zu entfliehen ist leichter gesagt als getan. Genau wie jede Großstadt in Amerika ist die innere „Hauptstadt“ nämlich von Vorstädten, sogenannten „Suburbs“ umgeben. So kann man zwar aus der Großstadt hinausfahren, dann ist man aber immer noch in urbanen Strukturen. Außerdem fällt mir als Deutschem in Amerika auf, was für ein weitgehendes Umweltbewusstsein in Deutschland im Vergleich zu den Staaten herrscht. In den Staaten ist es völlig normal seinen Fernseher sowie Radios den ganzen Tag  laufen zu lassen oder Getränke nicht ohne Eiswürfel zu trinken. Auch heizen beziehungsweise kühlen ist ein riesiges Thema. So hat im Sommer eigentlich jedes Zimmer einen Ventilator oder eine Klimaanlage die dann auch 24/7 läuft. Genauso verhält es sich auch mit dem Personenverkehr. Während in Deutschland der Dieselskandal das Thema ist, fährt in den Staaten gefühlt jeder zweite einen Pick Up Truck oder einen viel zu großen Van. Eine weiter Eigenheit der Amerikaner ist außerdem der Umgang mit Alter. Während ich mit 18 in Deutschland die meiste Zeit doch als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft inklusiver aller Rechten und Pflichten angesehen werde, so ist das in Amerika doch sehr anders. Zwar kann man mit 15 Auto fahren und mit 17 in die Army gehen. In Bars darf man aber noch lange nicht, sogar wenn man keinen Alkohol trinkt und auf Konzerten wird man sehr schief angeschaut, wenn man dort mit unter 21 aufkreuzt. Beim Umgang mit diesem Kulturschock hilft neben stummem Leiden eigentlich vor allem drei Dinge: Respekt, Toleranz und Offenheit. Respekt vor dem Andersein anderer Kulturen. So hilft es beim Integrationsprozess wenig von Anfang an Verschiedenheiten als blöd abzutun. Respektiert man aber die Menschen und derer Werte und Normen, so fällt es viel leichter Unterschiede anzuerkennen und auch sich selbst bewusst zu machen.

Toleranz hilft vor allem dabei es in Ordnung zu finden, dass es andere Kulturen als die eigene gibt. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass mich diese andere unbekannte Kultur unheimlich bereichert und mir auch dabei hilft mehr über meine eigene Kultur zu lernen. Offenheit hat mir dabei geholfen neue Einflüsse nicht von vornherein zu blocken sondern die Tatsache zu akzeptieren, dass in diesem Jahr viele auch ungewohnte Dinge passieren werden und ich mich mit anderen Verhaltensmustern auseinandersetzen werde. All diese Faktoren führen natürlich dazu, dass man sich in den USA hin und wieder ein wenig fremd fühlt, was auf lange Dauer auf jeden Fall zu Heimweh führen kann. Ich persönlich habe bis jetzt glücklicherweise selten wirklich starkes Heimweh verspürt.

Vielmehr ist es einfach seltsam seine Familie und Freunde nicht mehr direkt um einen herum zu haben, nachdem das 18 Jahre meines Lebens der Fall war. Besonders schwierig ist es außerdem das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen, gerade wenn man durch soziale Netzwerke sieht was die eigenen Freunde so unternehmen. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass hier zwei Sachen helfen. Erstens: Durch soziale Medien mit alten Freunden in Kontakt bleiben. Ich versuche alle Menschen, mit denen ich auf lange Sicht in Kontakt bleiben will, hin und wieder mal auf WhatsApp anzuschreiben. Das ist gar nicht so einfach. Gerade wenn man viele davon 12 Jahre lang täglich in der Schule gesehen hat. Aber sich hier zu überwinden und auch mal mit Leuten in Kontakt zu bleiben die man länger nicht gesehen hat, ist auf jeden Fall ein großer Gewinn!

Zweitens hilft es mit den anderen Volunteers in meiner Einsatzstelle über meine Erfahrungen zu reden. Schließlich haben schlussendlich alle dasselbe Problem. Man wird von jedem verstanden und kann man sich so dabei super unterstützen.

Sehr hilfreich ist es meiner Erfahrung nach aber auch Gefühle von Heimweh gar nicht immer zu blocken, sondern ganz bewusst zu reflektieren. Hier hilft es sich zu fragen: „Warum fühle ich mich so?“,“ Wie empfinde ich gewissen Einflüsse?“, „Was ist mir persönlich wichtig?“. Diese bewusste Reflektion hilft mir unheimlich mehr über meine eigenen Werte und Normen zu lernen. Außerdem setzt ja dieses Freiwilligenjahr meiner Meinung nach den Grundstein für mein zukünftiges eigenständiges Leben außerhalb der Familie. Da hilft es ungemein mir jetzt zu überlegen wie ich dieses Leben führen möchte. Hierbei ist es hin und wieder gar nicht so schlecht darauf zu hören, ob ich gerade Heimweh verspüre oder nicht. So hilft es mir dabei mehr über mich selbst zu lernen. Beispielsweise „Wie eng ist die Bindung zu meiner Familie?“, „Bin ich gemacht für das Großstadtleben?“, „Möchte ich später in Deutschland leben?“ Zusammenfassend muss ich sagen, dass die kulturellen Unterschiede zu Amerika zwar stärker als gedacht sind, aber keinesfalls ein unüberwindbares Hindernis darstellen. Die genannten Handlungshilfen haben mir sehr beim Umgang dieser Unterschiede geholfen. Hierzu hat auch das Vorbereitungsseminar, auf dem wir vor unserem Freiwilligendienst waren, sehr beigetragen.

~ Konrad Krämer, FOV Chicago