Nina – Kulturschock in Chicago?!

Seit dem 15. Januar 2019 bin ich offiziell länger als 6 Monate hier in Chicago und weg von Allem, was ich bisher kannte. Schon mehr als die Hälfte meiner Zeit hier bei Franciscan Outreach ist damit vorüber und ich kann es echt nicht fassen. Ich fühle mich so, also wenn ich erst vor ca. einem Monat von meinen Eltern zum Flughafen in Berlin gebracht worden wäre und von den neuen Freiwilligen mit offenen Armen empfangen wurde. Einen Kulturschock wie man ihn sich vorstellt, hatte ich in Chicago noch nicht wirklich. Klar ist vieles ungewohnt, jedoch habe ich es bis jetzt sehr genossen einfach die anderen Sitten und Einstellungen kennenzulernen. Ich glaube, dass ich auch nicht so einen großen Kulturschock hatte, da wir hier in einer Großstadt leben und ich auch aus einer Großstadt in Deutschland komme und in Großstädten ja eher große Teile der Kultur einzelner Länder oft verloren gehen.

Letzte Woche war ich jedoch in Houston, Texas, um die anderen Freiwilligen in den beiden Einsatzstellen dort zu besuchen. Dort habe ich dann aber umso mehr einen Kulturschock erlebt. Allein die Wege, die die Freiwilligen dort mit dem Auto auf sich nehmen mussten, um von einem Ort zum anderen zu kommen, waren bemerkenswert. Am ersten Abend sind wir zum Beispiel zu einem Restaurant ganze 45 Minuten gefahren, um Fried Pickles zu essen. Uns wurde gesagt, dass dieses Restaurant um die Ecke liegt… Außerdem wurden wir netterweise von den Kindern von BGC mit den anderen Freiwilligen zur High School zum „Color Guard“ eingeladen. Das war noch einmal eine ganz andere Erfahrung. Color Guard an sich ist mehr oder weniger Fahnenschwingen: Dabei werden die Fahnen von den „Tanzgruppen“ hochgeworfen und im Takt geschwungen. Außerhalb von Fahnen werden jedoch auch Gewehre rumgeworfen. Ich habe noch nie so etwas erlebt: 15-Jährige zu sehen, die auf diesen Gewehren Radschläge machen und das Publikum zu erleben, was jedes Mal wie wild applaudiert, wenn das Gewehr nach dem Wurf wieder aufgefangen wird, ist unglaublich komisch.

Mir ist hier aufgefallen, dass ich keinen großen Kulturschock erlebt habe, da ich die amerikanische Kultur schon besser kannte (Teile meiner Familie kommen aus den USA), jedoch fallen mir immer wieder kleine oder große Eigenheiten in der Kultur dieses Landes auf. Was mir jedoch z. B. durch unsere Freiwilligenarbeit mit den Obdachlosen extrem aufgefallen ist, ist das Thema Rassismus und Diskriminierung. In Deutschland gibt es natürlich wie in jedem anderen Land auch Rassismus. In den USA ist dieses Thema jedoch viel präsenter. Einerseits, wegen der langjährigen Sklaverei, aber auch wegen der Rassentrennung, die noch bis in die 60er Jahre in den Südstaaten der USA gesetzlich verankert war. Jedoch wird sich mit diesem Thema in den USA gefühlt sehr wenig auseinandergesetzt, da viele diese Zeit einfach vergessen wollen und dadurch verdrängt wird, dass diese Zeit in nicht allzu langer Vergangenheit liegt. Ich denke, dass hier ein erheblicher Unterschied zu der deutschen Kultur liegt, da man sich im frühesten Alter in Deutschland mit der deutschen Vergangenheit auseinandersetzen muss. In den USA bekomme ich das Gefühl, dass sie nicht zu den negativen Dingen stehen, die in der Vergangenheit in diesem Land passiert sind, damit der Nationalstolz nicht darunter leiden muss. Auch der Patriotismus hier ist für mich als Deutsche gewöhnungsbedürftig. So einen starken Nationalstolz, wie es ihn hier gibt findet man in Deutschland selten. In jedem Klassenzimmer hängt eine amerikanische Flagge, bei sportlichen Events wird man komisch angeguckt, wenn man bei der Nationalhymne nicht aufsteht und lautstark mit der Hand auf dem Herz mitsingt und den Satz: „America, the greatest country on earth“ habe ich schon öfters zu hören bekommen. Auch das nicht vorhandene Wissen einiger Amerikaner über z.B. Deutschland hat mich zum Teil schon sehr überrascht. Ich wurde schon mehrmals gefragt, ob denn Hitler noch am Leben wäre oder ob man als Schwarzer in Deutschland denn überhaupt auf die Straße gehen könne, ohne von Nazis überrannt zu werden. Mit solchen Kommentaren umzugehen ist jedoch von Situation zu Situation anders. Manchmal versucht man dem Gegenüber zu erklären, wie die politische Situation in Deutschland zur Zeit ist und manchmal muss man leider nur lächeln und nichts sagen, wenn man merkt, dass die andere Person mit diesen Kommentaren eher eine negative Reaktion hervorrufen wollte.

Zum Thema Heimweh kann ich nicht besonders viel sagen. Ich denke, dass ich ziemlich unabhängig von meinen Eltern auch schon in Deutschland war. Meine Freunde in Deutschland vermisse ich zum Teil jedoch sehr und es ist komisch bei bestimmten Events, wie z.B. Geburtstagen nicht dabei sein zu können. Weihnachten ohne meine Familie feiern zu müssen war zwar komisch, jedoch nicht wirklich schlimm für mich. Vor dem Jahr wurde mir gesagt, dass Feiertage, wie diese besonders schwer für viele Freiwillige sind, da hier oft mit der Familie gefeiert wird. Mein Weihnachten hat sich dieses Jahr zwar nicht wirklich angefühlt wie ein wirkliches Weihnachten, weil es einfach so unglaublich anders war, als ich es gewohnt bin, jedoch war es trotzdem sehr besonders. In der Suppenküche konnten wir Geschenke an unsere Gäste verteilen, die unglaublich dankbar waren. Nach der Arbeit haben wir das Abendbrot vorbereitet und sind in die Kirche gegangen, was auch eine Erfahrung wert war. Später haben wir dann mit (fast) allen Community-Mitgliedern ein sehr schönes Abendbrot zusammen gegessen und haben einfach einen sehr entspannten Abend als neue kleine Familie zusammen verbracht. Ich glaube, dass ich kein großes Heimweh verspüre, da ich mich einfach unglaublich wohl in unserer Community fühle. Es ist immer jemand für einen da, egal wie spät es ist und wir haben einfach sehr viel Spaß zusammen. Außerdem können nur wir wirklich verstehen, wie wir uns hier mit dieser Situation in einem neuen Land und unserer Einsatzstelle fühlen, weshalb man automatisch mit jedem etwas Teilt, egal wie verschieden man auch sein mag.

~ Nina Kumanoff, FOV Chicago