Wie arbeitet und lebt es sich in Chicago?! – Niklas

Für diejenigen, die über ein Jahr im Ausland nachdenken, stellt sich natürlich eine Frage: Was werde ich dort machen? Ich selber habe mir zwar dieselbe Frage gestellt, habe es aber lieber ohne eine Antwort auf mich zukommen lassen und dann die ersten Wochen nach Antritt des Dienstes damit verbracht, nach und nach zu erfahren, wie das ganze Jahr ungefähr aussehen wird. Für diejenigen, die nicht ganz so ins Ungewisse reisen wollen, versuche ich jetzt ein kleines Bild davon zu malen, wie euer Jahr gestaltet sein könnte.

Als erstes wäre es wohl gut zu wissen, wie der Arbeitsalltag für mich aussieht. Ich bin in der Einsatzstelle Franciscan Outreach Chicago und helfe hier also Obdachlosen. Ich arbeite in einem Overnight Shelter, wo die Arbeitszeiten 2x die Woche 12h von 6:30pm- 6:30am sind und 2x 3h von 6:30pm- 9:30pm. Wir arbeiten immer zu dritt – ein Mädchen für den Women Dorm und ein Junge für den Men Dorm auf Long Shift (12h) und ein Junge auf Short Shift (3h). Leider kann ich nur vom Arbeitsalltag der Jungs berichten, weil ich in die Aufgaben der Mädels nicht genug eingeweiht bin.

Wie sehen die verschiedenen Shiften aus und was genau machen wir?
Sobald wir im Shelter ankommen nehmen wir uns den Schlüssel vom Shelter-Van und holen aus der Küche das ganze Essen, das noch zu den zwei Partnersheltern in der Nähe gebracht werden muss. Mit „in der Nähe“ meine ich auch wirklich nur jeweils 5 bis 10 Minuten Fahrt. In den anderen Shelter trifft man dann außerdem ganz gerne mal auf Supervisor, mit denen man selbst in einigen Nächten zusammenarbeitet. Zurück im Shelter gehen wir um 07:15pm zur Backdoor wo Gäste warten, die noch auf ein Bett für die Nacht hoffen und schreiben sie auf eine Waitinglist. Das Shelter hat zwei offizielle Eingänge. Beide Eingänge befinden sich an derselben Wand, sind jedoch ein paar Meter voneinander entfernt. Die Backdoor ist abends für den Men Entrance und die Frontdoor für den Women Entrance. Nachts ist die Backdoor geschlossen und alarmgesichert, während die Frontdoor als Ein- und Ausgang zur Verfügung steht. Nachdem wir die Waitinglist gemacht haben, begeben wir uns um 07:30pm also zur Frontdoor, wo jedes mal ca. 50 Frauen darauf warten reingelassen zu werden. Von den 50 Frauen haben jede Nacht ungefähr 40 schon ein Bett sicher. Sie bekommen, solange sie regelmäßig erscheinen, die Betten als permanente und können sogar ein paar Eigentumsgegenstände im Shelter lassen. Wir rufen die Namen der Frauen mit permanenten Betten auf und lassen sie rein. Drinnen können sie erst in der Küche etwas essen, bevor sie sich zum schlafen in ihren Dorm begeben. Nun haben wir allerdings noch ca. 10 Frauen draußen und drinnen 8 Feldbetten frei und eventuell normale Betten in dem Fall, dass eine Frau mit permanentem Bett mal nicht erscheinen sollte. Den Einlass der übrigen Frauen draußen regeln wir per Lotterie. Es werden so viele Lose gemacht wie Frauen draußen sind. Die Lose sind entweder die Nummern der freien Betten oder Nieten, wenn wir nicht mehr genug Betten für jede haben. Die Frauen müssen ihr Los ziehen und wir notieren die Resultate. Der gesamte Einlass des Women Entrance dauert immer zwischen 10 und 15 Minuten. Das gibt uns 45 Minuten Zeit alle „Formulare“ für die Nacht vorzubereiten, bevor wir um 8:30pm mit dem Men Entrance beginnen. Mit Formulare ausfüllen ist dabei aber eigentlich nur gemeint das Datum und die sogenannten „Latecalls“ auf die Attendancesheets  zu schreiben. Das Attendancesheet hält fest, welcher Gast in welchem Bett schläft und die Latecalls halten bestimmten Gästen bestimmte Betten frei, wenn diese erst später die Nacht kommen können, weil sie noch arbeiten müssen.
Der Men Entrance gestaltet sich wie folgt: Die Shortshift geht mit dem Supervisor aus der Backdoor, wo alle 150-200 Männer warten, während die Longshift sich im Men Dorm an einen Schreibtisch setzt, wo sie gleich den Namen von jedem Gast der reinkommt auf dem Attendancesheet festhält. Jeder Gast teilt seinen Namen einmal der Shortshift an der Tür und einmal der Longshift am Schreibtisch mit. Wenn alle Gäste, die bereits die letzten Tage ein Bett hatten, drinnen sind, machen Short- und Longshift eine Gegenprobe ihrer Attendancesheets, um zu sehen, welche Gäste nicht gekommen sind, also welche Betten frei sind. Diese Betten werden dann an die Männer, die noch draußen stehen und deren Namen auf der Warteliste sind, vergeben. Gäste behalten so lange ihre Betten, wie sie Nächte in Folge erscheinen. Sobald sie zu spät oder gar nicht kommen, wird ihr Bett an andere vergeben.

Nachdem ich euch nun relativ detailliert den Einlass beschrieben habe, obwohl es immer noch mehr zu wissen gibt, kann ich euch zu den Aufgaben der restlichen Nacht eigentlich nur mit in ein paar kurzen Worten erzählen, was man so tun muss.
Nachdem ihr eure erste Pause von 9:30pm-10:30pm hattet, verbringt ihr die restliche Nacht am Schreibtisch im Men Dorm. Von dort aus habt ihr einen groben Überblick über den Saal und könnt schnell agieren wenn etwas ist. Dabei müsst ihr euch aber nichts dramatisches vorstellen. Die Gäste wollen sich hauptsächlich nur ausruhen und außerdem nicht ihre Betten riskieren, also müsst ihr die meiste Zeit nur kleine Diskussionen unterbinden, wenn es für die anderen Gäste einfach zu laut wird oder Neuen ihre Betten zeigen. Als andere Aufgaben habt ihr Gäste zu bestimmten Zeiten aufzuwecken, wenn sie zur Arbeit müssen und ein Auge auf die Tür zu haben, welche Gäste mit Latecallls noch reinkommen werden. In ruhigen Nächten kann man viel Stillarbeit am Schreibtisch machen. Ein paar hören Musik, lesen Bücher oder beschäftigen sich sonst wie. Ich versuche die wache Zeit gerne produktiv zu nutzen und mich durch ein paar Artikel zu lesen. Außerdem freue ich mich immer sehr, wenn Gäste sich ab und zu zu einem setzen und man ein paar interessante Unterhaltungen führen kann. Um 4:00am haben wir eine Stunde Pause, in der die meisten von uns schlafen. Die letzten 1 1/2 Stunden Arbeit der Nacht verbringen wir dann nochmal am Schreibtisch damit alle auszutragen. Dafür kommt jeder nochmal zum Tisch und sagt seinen Namen und seine Bettnummer. Diese Prozedur dient dazu, den Gästen die Betten für die kommende Nacht zu sichern. Wer sich nicht austrägt, verliert sein Bett.

Nun möchte ich aber auch noch ein wenig von der Freizeitgestaltung hier sprechen. Unsere Arbeitstage sind selten die gleichen, da wir monatlich immer neue Schedules machen.  Das macht es zugleich für uns relativ einfach, mal für 4 Tage wegzufahren ohne einen Urlaubstag nehmen zu müssen. Die Reisemöglichkeiten sind hier auch nicht all zu teuer. Wenn ihr fliegt solltet ihr mit einem Rucksack als Handgepäckstück zurecht kommen, denn alles, das größer als ein gewöhnlicher 30L Rucksack ist, kostet nämlich pro Strecke 20$-30$ Aufpreis. Ihr könnt aber auch den Bus für nur wenige Dollar nehmen oder zum Beispiel mal den Zug ausprobieren. Da soll zum Beispiel die Strecke Chicago- New Orleans ganz schön sein. Mit New Orleans habe ich auch schon das Stichwort zum nächsten Tipp. Verbringt eure langen Wochenenden doch einfach mal bei euren SDI Kollegen in New Orleans oder in der Nähe von Houston. Dort habt ihr keinerlei Unterkunftskosten und man kann vielleicht ganz schöne Ausflüge zusammen unternehmen. Wenn ihr jetzt aber auch noch nach L.A. und New York und Miami wollt wird es zwar vielleicht etwas knifflig mit euren Urlaubstagen, weil ihr davon nur 10 habt, aber da ihr für jeden Feiertag an dem ihr arbeitet, einen extra Urlaubstag bekommt, kann es sogar hinhauen. Eure Trips bleiben dann nur noch eine Frage wie geschickt ihr euch im Schedule planen und Schnäppchen finden anstellt.
Aber natürlich ist euer Auslandsjahr nicht nur Urlaub und Reisen. Ihr lebt in Chicago! Ihr habt also eigentlich fast keinen Grund morgens nicht aufzustehen und rauszugehen. Wie vielen vorhin vielleicht schon aufgefallen sein wird, ist 4x die Woche arbeiten anscheinend auch relativ viel Freizeit. Was fängt man also mit dieser an?
Ich selbst stehe an Tagen, an denen ich nicht lange arbeiten muss, gerne morgens zusammen mit meinen Mitbewohnern, die tagsüber in der Suppenküche arbeiten, auf und gehe mit ihnen zusammen zum Sport. Es ist ganz gut früh zu gehen, so kommt man einerseits nicht in den Berufsverkehr, welcher bei einer so kurzen Strecke ins Gym doch ziemlich nervig ist, aber man hat auch noch den ganzen Tag vor sich. Das bringt mich dann immer zum überlegen, was ich mit der ganzen Zeit noch anfangen möchte. Einem stehen endlos viele Ausstellungen, Veranstaltungen und Straßenfeste zur Verfügung, die meistens auch noch vergünstigt oder an manchen Tagen sogar frei sind. Man kann den Tag also entweder in Downtown verbringen und dort in ein Museum gehen und danach noch durch den Millennium Park laufen. Wir bleiben aber auch ganz gerne in Wicker Park, dem Viertel in dem wir wohnen, welches nebenbei nach Downtown das beliebteste Viertel Chicagos ist. Hier sind tolle Vintage Läden, Cafés und in den wärmeren Jahreszeiten öfters Straßenfeste in der Nähe.
Bewegen kann man sich mit der U-Bahn, die 2.50$ pro Fahrt kostet, mit Uber oder Lift (was wohl den meisten von euch bekannt sein sollte) oder mit dem Fahrrad. Ihr habt nämlich die Möglichkeit euch alle paar hundert Meter an kleinen Stationen sogenannte „DivvyBikes“ zu nehmen. Die könnt ihr ganz einfach mit einem Chip entsperren und losfahren. Die Chips sind für uns als Freiwillige kostenlos. Es ist also eine spitzen Fortbewegungsmöglichkeit, wenn es nicht regnet oder zu kalt ist.
Und weil man auch nicht unbedingt jeden Tag in ein Museum oder auf irgendeine Veranstaltung will, muss man sich jetzt auch keine Sorgen machen, es ginge sonst nichts. Wenn man ein bisschen offen ist, lernt man bestimmt die einen oder anderen Leute kennen, mit denen man sich dann auch öfters in seiner freien Zeit treffen kann. Das ist übrigens auch top, um einfach das Land und die Kultur noch ein bisschen näher kennenzulernen.
Für die restliche Zeit zu Hause sind uns persönlich Beschäftigungen eingefallen, die wir schon immer mal machen wollten. Der eine lernt jetzt Gitarre während der andere sich in Bilder bearbeiten und Musik produzieren versucht oder man liest einfach mal Bücher die einen schon immer interessiert haben. Seien es Romane oder Literatur über Allgemeinwissen. Ich selber genieße auch diese Off-Zeiten sehr. Gerade weil mir dann sehr viel Zeit offen steht, zu machen, was mich schon immer mal unter den Fingernägeln gejuckt hat.

Eine Sache sollte ich zum Abschluss aber nicht vergessen zu erwähnen. Wir leben hier in einer großen Community aus Freiwilligen. Das heißt, wir sind so gut wie nie alleine. Man findet also eigentlich immer jemanden, mit dem man etwas zusammen machen kann. An Wochenenden geht man gerne in kleinen Gruppen irgendwo hin und verbringt auch sonst die Abende sehr gerne gemeinsam. Man guckt Filme, spielt ein bisschen Karten und unterhält sich. Man lernt viele Menschen gleichzeitig ziemlich nah kennen. Jeder findet hier für sich den perfekten Ausgleich zwischen Zeit alleine und Zeit unter Mitmenschen. Es kann einem also eigentlich nie langweilig werden.

Ich hoffe euch hat mein Bericht ein bisschen größeres Bild gemalt, von dem, was auf euch zukommen wird, wenn ihr euch für ein Auslandsjahr bei SDI entscheidet. Ihr werdet eine einmalige Zeit haben, die euch Erfahrungen bringt, welche ihr für eure Zukunft vielleicht nicht missen wollt.