Emilie Charlottes Ziele in Südafrika

Als weißer mitteleuropäischer Mensch stehen einem eine Menge Türen offen. Es gibt hunderte von Möglichkeiten sein Leben zu gestalten. Das fällt vor allem auf, wenn man nach der Schule beginnen muss sich sein eigenes Leben aufzubauen. Auch mir stellten sich nach meinem Abschluss die typischen Fragen: Was will ich in meinem Leben erreichen? Was erwarte ich von der Zukunft? Was erhoffe ich mir, was sind meine Ziele? Und was mache ich jetzt?
Die letzte Frage war sehr leicht zu beantworten, denn ich wollte schon immer weg. Raus aus Deutschland und ein anderes Land näher kennenlernen. Also habe ich mich für einen IJFD beworben und jetzt lebe ich schon seit 4 Monaten in Südafrika. Hier arbeite ich in Durbanville in der Nähe von Kapstadt im Kinderheim (Durbanville Kinder Huis). Ich arbeite 5 Tage die Woche als Driver für die Kinder und lebe mit den anderen Freiwilligen zusammen auf dem Gelände. Nun ist für mich zwar die Frage geklärt, was ich in den kommenden 8 Monaten machen werde, jedoch fällt mir mit jedem Tag, der vergeht, auf, dass ich mich langsam einmal für einen Berufsweg entscheiden müsste. Und da es auf das Ende des Jahres 2018 hin geht, kommen die existentiellen Fragen wieder, diesmal in Form von Neujahrsvorsätzen.
Was erwarte ich nun eigentlich von diesem Jahr? Was genau möchte ich am Ende der 12 Monate erreicht haben?

Während des Vorbereitungsseminars im Juni haben wir uns schon ausgiebig damit beschäftigt, wie wir uns die Einsatzstelle und die Arbeit vorstellen. Ich muss sagen, wir waren nah dran. Der Kontakt zu den Kindern ist zum Beispiel sehr eng. Natürlich kennt man nicht alle Kinder gleich gut, aber viele haben einen sehr vertrauensvollen Umgang mit uns.
Als Driver bin ich logischerweise so ziemlich den ganzen Tag am Fahren. Die Strecken habe ich  sehr schnell gelernt (was wahrscheinlich daran lag, dass ich sofort alles alleine fahren musste) und daher kenne ich mich auch sehr gut in Durbanville und der Umgebung aus. Damit wäre eines meiner Ziele schon einmal erreicht. Des Weitern wollte ich nicht nur die Gegend um Durbanville erkunden, sondern mich auch mit dem ganzen Land vertraut machen. Da wir viele Tagesausflüge in die nähere Umgebung machen, ist es mir auch schon gelungen einen sehr guten Eindruck vom Westkap zu bekommen. Wir haben schon so viel gesehen: Kapstadt bei Tag und Nacht, das Kap der guten Hoffnung, Simonstown, den Pinguin Strand, Hout Bay, Tafelberg, Lionshead, Muizenberg, Blouberg, Hermanus, Robbin Island und vieles mehr. Darunter auch viele unglaublich schöne Sonnenauf- und untergänge. Und genau das ist mein Ziel: alles sehen (so weit es möglich ist natürlich). Daher passt es sehr gut, dass wir im Dezember einen Urlaub entlang der Garden Route geplant haben (auch eines der Dinge die ich unbedingt sehen wollte). Darauf bin ich schon sehr gespannt. Und natürlich werde ich auch im neuen Jahr noch die Möglichkeit haben viel zu sehen.

Mit dem Vorhaben zu Reisen kam auch die Intention neue Kulturen kennenzulernen. Auch wenn ich nicht in einem südafrikanischen Haushalt lebe, bekomme ich doch sehr viel von der Kultur mit. Einfach durch die Arbeit mit den Childcareworkern und Kindern bekommt man die Mentalität des Landes sehr gut vermittelt. Auch haben wir schon einige Einheimische außerhalb des Kinderheims kennengelernt. Die Menschen hier sind sehr offen und freundlich. Ich hoffe, dass einige dieser Kontakte auch nach dem Jahr bestehen bleiben.

Um die Kultur näher kennenlernen zu können, muss man sich jedoch auch mit den Problemen der Menschen beschäftigen. Fährt man zum Beispiel mit dem Auto durch die Stadt sieht man selbst in den guten Gegenden überall Bettler und Obdachlose. Aber auch die Probleme von denen die Kinder berichten spiegeln eine Vielfalt der Schwierigkeiten in Südafrika wieder. Ich weiß, dass ich diese Probleme in meinem Jahr nicht lösen werde, aber es ist schon ein Vorhaben von mir wenigstens den Kindern einen Ansprechpartner zu bieten.

Wenn ich so darüber nachdenke muss ich sagen, dass ich in den 4 Monaten schon sehr viel erlebt habe. Nur stellt sich auch die Frage, was will ich bis Ende des Jahres für mich persönlich noch erreichen? Zum Beispiel an Silvester ist diese Frage immer ganz gut festzumachen. Wo soll ich durch die Erfahrungen, die ich hier gesammelt habe nächstes Jahr stehen?

Ein wichtiger Grund, warum ich mich für ein Gap Year entschieden habe war, dass ich noch zu wenig über mich und die Welt weiß (um es mal dramatisch auszudrücken). Wie schon erwähnt muss ich über meinen Tellerrand blicken und Erfahrungen außerhalb meiner Komfortzone machen, um mehr zu dem Menschen zu werden, der ich gerne sein möchte. Aber wie bin ich denn überhaupt? Und wer bin ich? Wichtige Fragen die man zuerst beantworten muss, um wichtige Entscheidungen treffen zu können. Wie verhalte ich mich in unbekannten Situationen? Wie komme ich mit verschiedenen Menschen auf engstem Raum klar? Was ist mir wichtig? Alles Fragen auf die ich hoffe am Ende des Jahres eine erste Antwort zu haben. Die Erfahrungen hier sollen mir helfen klarer in dem zu werden, was ich von meinem Leben will. Und bis jetzt mache ich Fortschritte bei der Beantwortung. Zu Hause wäre es mir nie möglich gewesen meine Stärken und Schwächen auf so eine Art zu erkennen. Und da ich mich selbst besser kennenlerne, werde ich mich bis zum Ende des Jahres hoffentlich auch für ein Studienfach entschieden haben – ein weiteres Ziel mit dem ich in dieses Jahr gestartet bin: Plan für die Zukunft erstellen. Und auch wenn dies ein bisschen Arbeit und Recherche beansprucht, bin ich gespannt auf das Ergebnis.

Insgesamt kann ich sagen, dass ich in den 4 Monaten schon sehr viel über mich gelernt habe. Ich bin definitiv nicht mehr der Mensch der im Juli mit großen Augen und dicker Jacke aus dem Flugzeug stieg. Auch hoffe ich mich in den weiteren 8 Monaten weiterhin zu verändern und zu entwickeln. Ich habe schon viel entdeckt, erlebt und gesehen, aber bin mir auch sicher, dass mich noch so viel mehr erwartet. Das wichtigste, was ich mir von diesem Jahr erwarte ist einfach unglaubliche Erfahrungen zu sammeln, neues kennenzulernen und meine Zukunft zu planen.