Xenia auf den Philippinen

Diese Frage stellten mir meine besorgt-erzürnten Verwandten, als sie erfuhren, dass ich tatsächlich auf die Philippinen gehen würde. Wozu? Warum tust du das? Weißt du eigentlich, wie lang ein Jahr ist?
Tatsächlich weiß ich, dass ein Jahr 365 Tage hat, 52 Wochen. Ein Jahr scheint manchmal wie eine Ewigkeit (Schuljahre z.B.) Und jetzt gerade, Ende November, wo ich gerade den vierten Monat meines Internationalen Jugendfreiwilligendienstes beende, da scheint ein Jahr wie ein Hauch von Nichts. Eben bin ich in Frankfurt am Main in den Flieger gestiegen und schon bleiben mir nur noch acht Monate in dieser herrlichen Umgebung. Aber alles auf Anfang.

Was will ich in meinem Jahr unbedingt erreichen – persönlich und arbeitsbezogen?
Anfang Januar bekam ich meine Zusage. Ich hatte tatsächlich einen Platz auf den Philippinen angeboten bekommen. Auf den Philippinen! Beflügelt und überrascht informierte ich meine Eltern über die vollendeten Tatsachen. Zwischen Abitur, Sportwettkämpfen und zwischenmenschlichen Beziehungen füllte ich Formulare aus, beantragte das Visum, buchte Flugtickets, buchte sie wieder um, ließ mich impfen. Mein einziges Ziel in der Zeit war, den ganzen organisatorischen Kram hinzukriegen. Packen und nichts vergessen, die richtigen Bücher mitnehmen, genug Zahngelee mitnehmen, Ladegeräte nicht vergessen (hat nicht geklappt). Ich war so beschäftigt mit dem Vorbereiten, dass das Ereignis, auf das ich mich vorbereitete, komplett in den Hintergrund rückte. Zu Ostern bekam ich Reise- und Sprachführer, Insektenspray und Reisehandtücher. Ungewöhnliche Geschenke bis dato und mir wurde langsam bewusst, dass es echt war. Ich würde tatsächlich auf die Philippinen gehen.

Auf dem Vorbereitungsseminar sprachen wir viel über Wünsche und Ängste, was wir uns erhofften und was wir erreichen wollten. Und zum ersten Mal stellte ich mir die Frage: Was will ich in diesem Jahr persönlich und arbeitsbezogen erreichen? Ich will – persönlich und arbeitsbezogen –  ein ganz tolles Jahr verbringen! Ich möchte die Umgebung und die Menschen kennenlernen, meine Arbeit zur Routine machen, die Sprache verstehen und ein wenig sprechen. Die Kultur so gut es geht kennenlernen. Mich einleben und zuhause fühlen. Ich möchte an und mit meiner Arbeit wachsen. Fleisch vertragen – zur landestypischen Küche gehört viel Fleisch und ich war bis vor kurzem Vegetarierin. Ich möchte Jeepney fahren, zur Bahay Tuluyan Familie gehören. Ich will in meinen Urlaubstagen tolle Reisen unternehmen und ein Land sehen und bereisen, dass ich vorher kaum kannte. Ein nicht europäisches, komplett anderes Land mit anderem Klima. Ich möchte reifer werden, selbstständiger – immerhin, ein Jahr fernab vom Elternhaus, das ist nicht ohne. Ich möchte pädagogische Erfahrung sammeln und meine Werte stabilisieren. Ich will Hühnerdärme, Schweineinnereien mit Blutsoße und Kükenembryo im Ei probieren.

Nach vier Monaten kann ich auf diese Ziele mild lächelnd und gleichzeitig voller Respekt gucken.
Wie ist es denn jetzt? Habe ich schon etwas erreicht?
Den Schweineinnereien Eintopf in Blutsoße habe ich zumindest schon probiert – langer Arbeitstag auf dem Reisfeld, ich war sehr hungrig und wusste nicht, was es ist. Die Umgebung und Menschen kennenlernen, kennengelernt werden, ankommen, integrieren; ich denke, dies ist ein Prozess für ein Leben. Nach einem Monat kann man genauso sagen, da sei noch Luft nach oben, wie nach einem oder zehn Jahren. Langsam gehören wir aber trotzdem zum Alltagsbild auf dem Bahay Tuluyan Gelände, haben ein wenig Ahnung und auch Routine hat sich in den Arbeitsalltag eingependelt. Tägliche Aufgaben wechseln sich mit immer wiederkehrenden Dingen wie Schlachten oder Outreach-Vorbereitungen ab. Man kennt die Mitarbeitenden, die Kinder. Man hilft, wo man nur kann und ist kaum zu schockieren. Naja. Meistens, jedenfalls. Keine Kakerlake und keine Spinne entlockt einem mehr als ein Augenrollen, das akribische Wegwischen jeglicher Krümel und Tropfen ist genauso drin wie das geduldige Luftholen und Lächeln. Fleisch vertrage ich mittlerweile ganz gut, wobei das mit dem Magen-Darm hier sowieso beinahe dazugehört. Stiche, Wunden, Kratzer – allen wird ganz viel Aufmerksamkeit gewidmet. Wenn ich an mein und Johannas Zimmerchen im Volunteer Komplex denke, dann ist es gleichbedeutend mit Zuhause. Wäsche waschen (von Hand) und das Leben ohne Klospülung ist normal. Ja, ich würde sagen: Routine ist definitiv da. Jeepney fahren ist alltäglich und teilweise sogar nervig, gerade wenn es super voll ist und man bei 86% Luftfeuchtigkeit und 30 Grad am Abend zwischen zwei ebenfalls schwitzenden Männern eingequetscht sitzt und im ewigen Stau eine zwei Kilometer lange Strecke bis zu eine Stunde dauern kann. Ob ich richtig zur Bahay Tuluyan Familie gehöre, kann ich noch nicht hundertprozentig sagen, ich fühle mich angekommen, angenommen, aber auch hier wird es mit jedem Tag mehr. Jedoch feiern wir bald zusammen Weihnachten, ein Familienfest, das jedenfalls spricht für meine Aussage. Im Urlaub war ich bisher, und es war traumhaft: weißer Sand, türkises Wasser, Korallenriffe, Bioilluminiszenz, Sternschnuppenregen, Baumhaus, Kokossnüsse… ein Klischee.

Schlussendlich kann ich sagen, dass ich dieses Jahr versuche alles so zu nehmen, wie es ist. „Beobachten, nicht bewerten!“, ist mein Motto; es ist schon eine sehr andere Kultur, mit anderen Werten, Regeln, Normen, Bräuchen, und vieles scheint mir oftmals seltsam oder unverständlich. Am Ende des Jahres werde ich zwölf Monate lang mehr oder weniger auf mich gestellt gewesen sein (natürlich immer an der Seite der lieben Johanna!!!) und habe Dinge erlebt, die ich anderswo niemals erlebt hätte. Schicksale kennengelernt, die ich anderswo niemals kennengelernt hätte und Arbeiten erledigt, die ich anderswo niemals bekommen hätte. Ich liebe meinen Alltag, ich liebe die Routine, ich liebe die Arbeit und die Kinder und meine Möglichkeiten. Was ich mir also persönlich und arbeitstechnisch für den Rest meines Internationalen Jugendfreiwilligendienstes erhoffe und unbedingt erreichen will? Am Ende genauso erfüllt, glücklich und zufrieden zu sein, wie ich es jetzt bin. Lernen, die Kultur besser zu verstehen, Tagalog besser zu sprechen und ein vollwertiges Mitglied der Bahay Tuluyan Familie zu sein.