IJFD – Jahr im Ausland – Rueckholaktion 2020
IJFD – Jahr im Ausland – Rueckholaktion 2020
IJFD – Jahr im Ausland – Rueckholaktion 2020
IJFD – Jahr im Ausland – Rueckholaktion 2020

In der ersten Märzhälfte schien alles geradezu ungewöhnlich ruhig. Doch die warmen Wochen mit wenig Regen, in denen wir noch geschwitzt hatten, in denen wir noch spontane Feten feiern durften und über fehlende Ruhe geschimpft hatten, gingen abrupt zu Ende.
In den Nachrichten hörten wir Tage zuvor von den Zahlen der Infizierten, die auf einmal auch in Europa anstiegen wie Thermometer im kochenden Wasser. Irgendwann berichtete unser Farm-Kuja, dass sich in Deutschland einige Menschen mit dem Corona-Virus angesteckt hatten. Wir hörten aus der Heimat, dass die ersten Einschränkungen im öffentlichen Leben beschlossen wurden. Nur in Laguna blieb scheinbar alles wie immer. Wir fütterten die Schweine, spielten UNO bis zum Erbrechen und pinselten die bunten Häuser der Kinder an. Nach einem unglaublichen Urlaub in einer der schönsten Regionen der Philippinen, auf Busuanga Island, hatte sich jedoch auf einmal etwas verändert. Wir hatten die Unterwasserlandschaften noch vor Augen, hörten das Rauschen der Wellen an den menschenleeren Traumstränden und spürten noch das gemütliche Nachtquartier im Baumhaus, als wir zurück in Laguna zu einem Meeting gerufen wurden. Im Café wartete Lily, die Chefin von Bahay Tuluyan. Lily in Laguna, das war ungewöhnlich. Sie erzählte dann auf ihre mutige und unaufgeregte Art von den Risiken des Corona-Virus‘. Die Center sollten isoliert werden und wenig später erfuhren wir, dass die Volunteers ab nun das Kochen übernahmen. Die Situation war neu für alle, ein paar Nanays wurden nach Quezon geschickt, die Manila Kinder lebten jetzt in Batangas. Manila sollte in den Shutdown gehen. Ein seltsames Gefühl. Jetzt waren die Philippinen beinahe dicht. Unsere neue Aufgabe dagegen war genial gut, mal was anderes, die Kinder bedankten sich für das Essen: „Masarap, Ate!“, die Nanays waren überrascht von unseren Kochfähigkeiten, Kuja Marvin von unseren Feuer-Fähigkeiten. Denn die Reistöpfe stellten wir täglich aufs offene Feuer. Von der Krise, die über immer mehr Länder hinweg zog, merkten wir in Laguna wenig. Ganz im Gegenteil hatten wir eher das Gefühl, dass wir mit den Kindern und den Nanays viel enger zusammen wuchsen. Die Kinder gingen nicht mehr in die Schule und niemand durfte mehr das Gelände betreten. Abgesehen von der aufkommenden Langeweile bei den Kindern und der Erschöpfung bei uns, ging es allen sehr gut. Nach einem Meeting mit SDI, indem wir über Corona sprachen, aber es lediglich hieß, dass wir die aktuelle Situation in den jeweiligen Ländern beobachten müssten, waren wir überzeugt davon, dass uns eine spannende neue Phase bevor stand. Nur wenige Tage später jedoch, erreichte uns eine neue Nachricht von SDI. Das Auswärtige Amt wolle alle Freiwilligen wieder zurück nach Deutschland schicken. Im ersten Moment realisierte ich es gar nicht, vielleicht wollte ich es auch nicht verstehen. Ich sprach mit Gloria, wir fragten nach. Ja, ihr müsst sofort einen Flug buchen. Nein, ihr könnt unter keinen Umständen bleiben und ja ihr müsst euch beeilen. Der Shutdown für Manila war angekündigt, eine kurze Verlängerung des Flugverkehrs für Ausländer geplant. Wir könnten einfach warten, bis es keine Flüge mehr gibt. Nein, keine gute Idee, dann wird es nur teurer und komplizierter. Beim Frühstück kochen erreichte uns ein Anruf von Catherine, sie hatte mit SDI gesprochen. Tatsächlich, unser Jahr auf den Philippinen sollte kein ganzes Jahr werden. Langsam verstand ich, was hier passierte. Und langsam merkte ich, wie sehr ich mich gerne dagegen wehren möchte, während jeder Widerstand zwecklos ist.
Nachdem sich die Reisegesellschaft nicht meldete, buchte SDI unseren Rückflug. Wir hatten eine Nacht zum packen. So schnell konnte unser sweet-sarap Leben mit Reis, tabo, baboy und skyflakes nicht zu Ende gehen.
Ein letztes Mal feierten wir im Trubel mit allen, die kommen durften unter leider diesmal keinen Lachtränen, aßen Nudeln mit Reis, schossen ein letztes Selfie mit Lily und genossen das gewohnte Chaos. Wie schnell würden wir es vermissen.
Zwei Tage später begrüßten uns unsere Eltern mit warmen Umarmungen im kalten und leeren Deutschland. Hier in der fremd gewordenen Heimat sollten wir nun zwei Wochen in Heimquarantäne. Von jetzt auf gleich. Vom Trubel in die Isolation.
Uns blieben die Bilder, die lauten Stimmen im Ohr, die einzigartigen Erinnerungen, die leider alle nichts ersetzen konnten.