Was Macht Meike eigentlich in Chicago?

Mittlerweile bin ich seit 3 Monaten hier in Chicago und das erste Viertel meiner Zeit in den USA ist somit bereits um. In diesen 3Monaten konnte ich mich nach und nach an mein neues Umfeld gewöhnen. Dazu gehört sowohl das Leben in einer Community mit 6 weiteren Freiwilligen, als auch meine Arbeit im Shelter.

Da ich in der Nachtschicht arbeite, musste ich mich zunächst erstmal daran gewöhnen die ganze Nacht wach zu bleiben. Außerdem konnte ich meinen Arbeits- und Tätigkeitsbereich besser kennen lernen. Dazu gehört zunächst das Vorbereiten des Schlafsaals. Bevor die Frauen ins Shelter kommen, müssen die Feldbetten für die Gäste, die kein permanentes Bett haben, vorbereitet werden und dafür gesorgt werden, dass ausreichend Toilettenpapier, Seife, Shampoo, etc. für die Frauen zur Verfügung stehen. Hin und wieder müssen noch der Fernsehraum oder Wirtschaftsraum aufgeräumt werden, und dann kommen die Frauen um 7:30pm auch schon in den Schlafsaal. Da es langsam kälter wird, dürfen die Frauen seit ein paar Tagen schon um 6:30pm ins Shelter. Für uns bedeutet das, dass wir bereits eine Stunde früher auf der Arbeit erscheinen müssen und anstatt der ansonsten 12Stunden langen Nachtschicht in den Wintermonaten eine 13 Stunden Schicht arbeiten.

Nachdem die Gäste ins Shelter kommen, können sie sich die grundlegendsten Sachen wie Handtüchern und Hygieneartikel abholen. Zudem ist es dann meine Aufgabe Gästen, die nicht regelmäßig oder nur für eine Nacht kommen, ihr Bett zu zeigen, die Regeln zu erklären und falls dies ihr erster Aufenthalt im Shelter ist, ein Intake Formular auszufüllen. Anschließend machen sich alle fertig um schlafen zu gehen, währenddessen besteht meine Aufgabe hauptsächlich darin den Schlafsaal zu beaufsichtigen, darauf zu achten, dass sich alle an die Regeln halten und ggf. Streit zu schlichten. Um 9pm wird dann das Licht ausgeschaltet, und die Gäste gehen schlafen.

Während die Gäste schlafen, beaufsichtige ich den Schlafsaal und wasche hin und wieder Wäsche. Zudem gibt es Gäste, die früher aufstehen wollen. Diese muss ich dann zu der gewünschten Uhrzeit wecken. Um 5:00am wird dann das Licht wieder angeschaltet. Bis 6:00am sollten dann alle Frauen wach sein, damit sie pünktlich vor 6:30am das Shelter verlassen. Wer um 6:00am noch nicht wach ist, wird von mir geweckt. Teilweise sind mehrere Versuche nötig um einzelne Frauen dazu zu bringen, aufzustehen. Aber mit der Zeit habe ich gelernt, mich besser durchzusetzen und weiß wer von den Gästen gerne mal versucht länger zu schlafen.

Alles in allem macht mir die Arbeit sehr viel Spaß, und ich habe fast jedes Mal das Gefühl etwas neues zu lernen und an den verschiedenen Herausforderungen, die sich mir hier stellen, zu wachsen. Zudem freue ich mich einige der Gäste jeden Abend wieder zu sehen. Ein paar von ihnen kommen schon sehr lange jeden Abend hier ins Shelter und sind wie eine Familie.

Aber mein Leben hier besteht natürlich nicht nur aus Arbeit. Obwohl ich 39 Stunden die Woche arbeite, habe ich noch genügend Freizeit, in der ich viel Zeit mit der Community verbringe. Wir sind mittlerweile wie eine Familie (aka Familie Öutreach), aus der mir jeder mit seiner eigenen besonderen Persönlichkeit richtig ans Herz gewachsen ist. Da wir ansonsten nur selten die Möglichkeit haben alle zusammen etwas zu unternehmen, was daran liegt, dass eigentlich immer jemand von uns auf der Arbeit ist, gibt es den Mittwochabend, an dem wir alle frei haben und an dem unsere Community night stattfindet. An diesen Abenden unternehmen wir dann gemeinsam mit unserer Volunteer Koordinatorin Tayler etwas. Wir waren beispielsweise bei einem White Sox Spil, sind bowlen gewesen ,haben eine Schnitzeljagd durch Downtown Chicago gemacht, waren im Sommer am Strand und haben zu Halloween wunderschöne Kürbisse geschnitzt.

Ab und zu kommen auch Gäste zu uns ins Haus, wie ein Mönch aus dem Franziskanerorden, der uns mehr über Franz von Assisi und dem nach ihm benannten Mönchsorden erzählt hat oder Phil, mit dem wir über soziale Gerechtigkeit geredet haben. Außerdem bietet einem Chicago jeden Tag unglaublich viele Möglichkeiten seine Freizeit zu gestalten. Im Sommer gab es im Millenium Park oft kostenlose Veranstaltungen wie ein open air Kino, ein Jazz Festival oder Yoga Unterricht. Auch einige Museen, das Shedd Aquarium und das Adler Planetarium sind an einigen Tagen kostenlos und wirklich beeindruckend. Zusätzlich gibt es hier den Teen Arts Pass, der es uns ermöglicht Theaterstücke, Opern, Ballettaufführungen und Konzerte für nur 5 Dollar zu besuchen. Zudem nutze ich vor allem jetzt wo es langsam kälter wird meine freie Zeit hier oft auch zum Zeichnen und Lesen.

Einen weiteren guten Zeitvertreib bietet ein Fitnessstudio, das erst vor kurzem in der Gegend, in der wir wohnen, geöffnet hat und das ich mitttlerweile fast jeden zweiten Tag besuche. Es gibt hier also eigentlich fast immer etwas zu erleben, und ich bin sehr glücklich darüber, Chicago mit all seinen Möglichkeiten und Vielseitigkeit jetzt für 1 Jahr mein Zuhause nennen zu können.