Wie Corona innerhalb einer Woche die beste Zeit meines Lebens zerstörte

Alles begann am 8. März 2020. Es war ein wunderschöner Frühlingstag in New Orleans.
Ich hatte mich am morgen durch einen Halbmarathon gequält und nun erwartete mich ein
Nachmittag, an dem ich durchgehend damit beschäftige sein würde, neu ankommende
Gruppen von Freiwilligen zu begrüßen. 200 hatten wir in dieser Woche. Es war unsere
größte Woche bisher und die nächsten Wochen würden nicht wirklich entspannter
werden. Ich fieberte schon seit Wochen auf diese Zeit hin und freute mich das Camp mal
wieder richtig voll zu sehen. Während ich die Gruppen herumführte, machte ich sich
nebenher auf die Spender mit Desinfektionsmittel und die Desinfektionstücher
aufmerksam, die wir aufgestellt hatten. Unser Chef hatte sie schon wohlweislich im
Internet bestellt. Zu dem Zeitpunkt fand ich es noch übertrieben. Dieses Virus um das
sich alle so Gedanken machten, von dem mein kleiner Bruder mir im Januar schon ganz
aufgeregt erzählt hatte, das gab es vielleicht auf dem Rest der Welt, aber hier im Big Easy
und in ganz Louisiana haben wir ja noch keine Fälle. Es war nichts worum ich mir wirklich
Gedanken machte, ich hatte viel wichtige Dinge im Kopf, den Urlaub mit meiner Familie
zum Beispiel. Sie würden mich über Ostern besuchen kommen und ich plante bereits,
was ich ihnen in meiner neuen Heimat so alles zeigen würde, bevor wir uns auf den Weg
nach Florida machen würden, um Ostern am Stand zu verbringen.
Am Montag unterhielt ich mich mit einem Freund aus Deutschland, er erzählte mir, dass er
jetzt erst einmal 6 Wochen Corona- Ferien an der Hochschule hatte und als er mich frage
wie es bei uns aussehe, antwortet ich naiv „bisher haben wir noch keine Fälle, mal
schauen ob dass überhaupt bis hierher kommt“. Ein paar Stunden später kam dann die
Meldung, der erst Fall von Corona wurde in New Orleans bestätigt. Ab gingen die Zahlen
täglich stetig bergauf und mein Leben bergab.


Am Mittwoch wurde ich dann endgültig in die Corona-Wirklichkeit geholt. Ich war an
diesem Tag dafür zuständig, das Camp zu sauber zu machen, was wenn man mit 200
Leuten zusammenlebt, mehr als bloß notwendig ist. Nachmittags erhielt ich dann den
Anruf von einer Kollegin, die mir mitteilte, dass in einer unserer Gruppen 1 Mädchen die
Grippe hatte und nun 2 der Mädchen, mit denen sie das Zimmer teile, ebenfalls
Grippesymptome zeigte. Sie konnten sich aber nicht auf die Grippe oder gar Corona
testen lassen, da ihre Krankenversicherung kaum etwas der Testkosten übernahm, da sie
in einem anderen Bundesstaat waren. Deshalb entschied sich diese Gruppen, sofort
abzureisen. Das war einer der herzzerreißendsten Momente die ich in New Orleans erlebt
habe. Fast jeder aus der Gruppe kam zu mir, erzählte mir wie sehr sie die Zeit hier
genossen hatten, kauften Andenken und ich konnte allen ansehen, wie schade sie es
fanden, dass ihr Aufenthalt so zu Ende gehen musste. Am meisten hat mich die Aussage
eines Mädchens getroffen, die meinte dass sie umbedingt getestet werden muss, da sie
ihre Familie auf keinen Fall mit Corona anstecken kann, da ihre Mutter und ihr Bruder
keine Krankenversicherung haben und die Familie echt große Probleme hätte, sollten sich
die beiden infizieren. Da wurde mir mal wieder klar, was für ein Luxus es ist, sich keine
Gedanken über die Kosten seiner medizinischen Behandlung machen zu müssen.
Am Abend wurde ich dann endgültig auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Trump
verkündete sein 30 tägiges Einreiseverbot für Europäer. Der geplante Urlaub mit meiner
Familie war damit dann auch gestrichen. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft packte mich
eine große Welle von Heimweh und ich verteufelte meine Entscheidung in die USA zu
gehen, das Virus und Trump. Die ersten Tränen, von denen ich in den nächsten Tagen aus
verschiedenen Gründen noch sehr viele vergießen würde, begannen zu fließen. Nach
einer schlaflosen Nacht, sah die Welt am nächsten Tag schon nicht mehr so schlimm aus,
was vor allem an dem Zuspruch und den Umarmungen von unserer Köchin Lorraine und
unserem Hausmeister Bob lag, die mich daran erinnerten, dass ich auch in New Orleans
ein Familie hatte.
Am Freitag begannen dann die Krisenmeetings. Am Vormittag unterhielten wir uns in
unserem Staff-Meeting darüber, was der Plan für die nächsten Wochen war. Alle
Freiwilligen reisten bereits am Freitag ab und sämtliche Gruppen für die nächsten Wochen
cancelten ihre Aufenthalte. Noch immer unterschätzten wir den Ernst der Lage und
planten fröhlich, zu welchen unserer Community-Partnern wir in den nächsten Wochen
alles gehen wollten.
Am Nachmittag bekamen wir dann die Mitteilung von SDI, dass wir all unsere Reisen bis
31.Mai absagen mussten und für die nächsten Tage wurde ein online Krisen-Meeting
angesetzt. Sofort war meine Laune wieder im Keller. Mit den neuen Reisbeschränkungen
platze einer meiner größten Träume. Ich wollte Ende Mai gemeinsam mit meiner Tante
und meinem Onkel, nach New York City fliegen, um die Stadt, in die ich mich durch
unzählige Filme und Serien verliebt hatte, endlich mal selbst zu sehen. Vor meinem
inneren Auge sah ich mich bereits wie Carrie Bradshaw durch die Läden stromern und die
ganzen Klamotten bestaunen, wie Blair Waldorf auf den Stufen des Mets sitzen und wie
Harvey Specter einen Bagel von einem Straßenverkäufer essen. Eine Reise nach New
York City ist schon lange mein großer Traum – ein Traum der dank Corona aus greifbarer
Nähe nun wieder in weite Ferne rückte.
Als ich mich halbwegs wieder eingekriegt hatte, kam dann der Anruf von unserem Chef.
Da aufgrund des Virus alle Gruppen für die nächsten Monate gecancelt hatten, hatte
Camp Restore nun keine Einnahmen mehr und da eine Non-Profit Organisation kaum


Rücklagen bilden kann, waren sie nun finanziellen Schwierigkeiten. Um ihre Ausgaben zu
minimieren, hatte er gemeinsam mit SDI entschlossen uns vorerst wieder nach
Deutschland zu schicken und das wir sobald sich alles beruhigt hatte wieder
zurückkommen konnten. Auf die Frage wann, antwortete er, dass man schon nach Flügen
schaue und wir besser schonmals anfangen sollten zu packen. Da ich in diesen Tagen
ohnehin schon sehr nahe am Wasser gebaut war, weinte ich erstmal für die nächste
Stunde. Meine Welt war innerhalb ein paar Tage vollkommen zusammengebrochen. Die
Rückreise, von der ich dachte, ich hätte noch Monate Zeit um mich darauf vorzubereiten,
war nun nur noch ein paar Tage entfernt.
Nachdem ich den gesamten Freitag Abend versucht hatte, die Neuigkeiten irgendwie zu
verdauen, begann dann am Samstag morgen das Planen der nächsten Tage. Zuerst
informierte ich meine Familie, dass wir uns nun doch schon bald wiedersehen würden.
Dann ging es erstmal zum einkaufen. Ein letztes mal genossen ich das Walmart-feeling,
kaufte all meine Lieblingssüßigkeiten und einen Koffer, da mein Gepäck sich verdoppelt
hatte. Es war ein lustiger Anblick an der Kasse. Um mich herum waren alle mit ihren
Einkaufswägen voll Klopapier, Reis und Müsli und dann war da ich mit meinen Tonnen an
Süßigkeiten und einem Koffer.
Wieder daheim stellten wir dann fest, dass die Fluggesellschaften begannen fast alle
Flüge von den USA nach Deutschland zu canceln und wir bekamen ein bisschen Panik da
wir noch nicht wussten mit welchem Flug wir zurückfliegen würden. Deshalb fragen wir
bei SDI nach, ob es schon Neuigkeiten zu unserem Rückflug gab. Die Antwort war, dass
das Reisebüro schon versuchte zu buchen, es war aber alles nicht so einfach, da immer
weniger Flüge verbunden waren und es zudem noch Wochenende war… Da wir ohnehin
nichts ausrichten konnten, fuhren wir in den City Park und ich genoss den sonnigen
Nachmittag Begneits essend im City Park. Am Abend gingen wir dann noch ein letztes
Mal Seafood essen. Danach fing ich dann schweren Herzen mit packen an. Dies dauerte
bis spät in die Nacht, was hauptsächlich an meinem Leck an Motivation lag.
Am Sonntag Morgen bekamen wir dann die Nachricht, dass man einen Flug für uns am
nächsten Tag gebucht hatte. Zwar gab es noch keine Bestätigung der Airline, doch man
erwartete diese in den nächsten Stunden und zur Not würden wir einfach einen anderen
Flug bekommen. Dies war dann also wirklich unser letzter Tag in der Stadt. Gemeinsam
mit Imke entschied ich mich, eine Cemetery Tour zu machen, dass einzige das ich auf
meiner New Orleans To-do-Liste hatte. Nach einer super interessanten Cemetery Tour
und einem letzten Spaziergang durch French Quater, hieß es dann Abschied nehmen.
Zuerst von unserer Kollegin Renee und dann von Kathy und ihrem Mann Wendell. Es war
sehr schade, dass wir uns so früh von den Menschen verabschieden mussten, die hier zu
einer Familie geworden waren und wir nicht wussten, ob das jetzt für immer war oder ob
wir in ein paar Wochen wieder zurück sein würden. Nach einem Tag voller Abschiede
packe ich meine Koffer vollends und nachdem dies erledigt war, fing ich an zu putzen.
Zwar hatten wir noch keine Flugbestätigungen, doch ich entschied mich trotzdem mal
alles Abflugbereit zu machen.

Am nächsten Morgen war es dann soweit, die Flugbestätigung war da und ich ergatterte
sogar noch Fensterplätze und mein Extragepäck konnte ich nach etwas Herumprobieren
auch einchecken. Dann verabschiedeten wir und noch von Bob und schon ging es im
vollgepackten Auto zum Flughaben. Am Flughafen verabschiedeten wir uns dann von
Kurt und dann wurde es ernst. Wir checkten unser Gepäck ein, gingen durch den
Sicherheitscheck, deckten uns ein letztes Mal mit New Orleans Köstlichkeiten ein und
dann hieß es warten. In unserem Flug nach Washington D.C. hatte ich eine ganze Reihe
für mich allein. Das war ganz gut so, denn kaum hatte das Flugzeug den Boden verlassen
fing ich an zu weinen und war froh über die Privatsphäre die ich durch meine eigene
Reihe hatte.

In Washington angekommen merkte man sofort, dass hier gleich ein Flug zurück nach
Deutschland gehen würde. Das Flugzeug, dass ein paar Tage zuvor kaum Buchungen
gehabt hatte, war voll mit Urlaubern, Au-Pairs und Geschäftsleuten, die alle so schnell wie
möglich wieder nach Hause wollten. Irgendwo in der Mitte des Flugzeuges, eingekeilt
zwischen einer Mutter die ihr Baby auf dem Arm hielt und dem Fenster sah dann ich,
versuchte zu schlafen und fragte mich eigentlich nur, wieder wie zur Hölle mir das
passieren konnte.

Dann nach 8 sehr unbequemen und schlaflosen Stunden landeten wir in Deutschland,
alles verlief problemlos, abgesehen von der Tatsache, dass das ganze erst in 5 Monaten
hätte stattfinden sollen. Zu meiner Überraschung holte mich meine ganze Familie in
Frankfurt ab und es war schon ein tolles Gefühl sie wieder zu sehen. Dann hieß es noch
einmal Abschied nehmen, von Nina und Imke, mit denen ich in den letzten Monaten die
wohl tollste Zeit meines Lebens verbracht hatte – doch dies war weniger ein Abschied,
sondern eher das versprechen auf ein baldiges Wiedersehen.
Zuhause gab es dann nicht wie ich es geplant hatte, eine große Willkommensparty,
sondern 2 Wochen Quarantäne. Jeder daheim war glücklich und erleichtert, dass ich
wieder da war – jeder, außer ich.
Nun bin ich hier, irgendwo zwischen New Orleans und dem Studium und probiere meinen
Platz in dieser Krise zu finden. Das Einzige, dass mich wirklich interessiert, sind die
Reiseplanungen für meinen nächsten USA Trip und herauszufinden, wann ich das nächste
Mal rüber fliegen kann. Den Rest meiner Zeit, schaue ich amerikanische Serien um mich
wenigstens ein bisschen in der Illusion zu wiegen, dass ich mich noch in den USA
befinde. Ich würde gerade so ziemlich alles dafür geben im City Park Beignets zu essen,
einen Alligator beim Sonnen zu beobachten während ich beim Joggen fast vor Hitze und
Luftfeuchtigkeit sterbe oder jeden Montag Red Beans and Rice zu essen. Doch
stattdessen sitze ich in meinem Zimmer in Deutschland, umgeben von meinen
Mitbringseln aus New Orleans, nutze jede Gelegenheit um mein Saits oder Pelicans Triko
anzuziehen und frage mich, warum das mir, ausgerechnet mir, passieren musste.